Beziehung und Bindung, mehr Gelassenheit, weniger schimpfen
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Yes – Ein Grund zum Feiern! die fünfte Bindungsstufe – emotionale Bindung

Gordon Neufeld hat die Entwicklung der Kind-Eltern-Bindung leicht verständlich in sechs verschiedene Bindungstiefen herausgearbeitet. Die Grundlage seiner Arbeit bildete die Bindungstheorie mit den verschiedenen Bindungsqualitäten/Bindungsmuster von John Bowlby und Mary Ainstworth. Ergänzend zu Bowlby und Ainstworth hat Neufeld festgestellt, dass die Vertiefung der Bindung schrittweise in sechs aufeinanderfolgenden Stufen erfolgt. Jede neue Art der Bindung fügt weitere Fähigkeiten hinzu, um Nähe aufzubauen und zu bewahren. Unter idealen Bedingungen sollte somit in den ersten sechs Lebensjahren mit jedem Jahr eine andere Bindungsstufe sichtbar werden. Dies kann jedoch zu jedem Zeitpunkt geschehen, auch in fortgeschrittenem Alter können sich Menschen zum ersten Mal auf der tiefsten Ebene binden. Bis jetzt habe ich bei meiner Tochter den Übergang zur nächsten Bindungstiefe immer ganz genau gespürt. Es schien von heute auf morgen etwas anders zu sein. Erst gab es immer ein paar Tage, die ungewöhnlich schwierig waren, Tage an denen mein Kind sich anders als sonst verhielt. Meist klammerte sie stark an mir und schien gar nicht genug Nähe bekommen zu können. Am gravierendsten war der Übergang zur vierten Bindungsstufe. Eine Zeit, in der Wertschätzung ganz hoch oben steht. Plötzlich war es meinem Kind so wichtig, dass ich gutfand, was sie machte. Davor hörte ich selten ein „Mama, schau mal!“ Auf der vierten Bindungsstufe waren die Rufe nach Wertschätzung so laut und beharrlich, dass es zeitweise wirklich anstrengend war, ihrem Bedürfnis zuvor zu kommen. Klar, brachte ich auch zuvor meiner Tochter ganz viel Wertschätzung entgegen. Aber die Wichtigkeit, diese zu bekommen, wurde eben in dieser Zeit ganz deutlich. Ich habe mir zu der Zeit oft die Frage gestellt, woran ich wohl erkennen würde, dass mein Kind sich emotional bindet, auf der fünften Bindungsstufe. Die Antwort kam ganz plötzlich. Meine Kleine verkündete mit voller Liebe und Ernst in den Augen „Mama, ich will dich heiraten!“ „Klar, ich werde immer deine Mama sein!“ Denn das steckt eigentlich hinter ihrer Aussage. „Wollen wir für immer verbunden sein?“ Die Umarmungen und Küsse hatten plötzlich einen ganz anderen Charakter. Ich bekam viele Herzen gemalt und das „ich hab dich lieb“ kam nicht mehr als Imitation, sondern aus einem tiefen Gefühl heraus.

Hat die Bindung des Kindes die emotionale Bindungstiefe erreicht, haben die Umarmungen und Küsse einen anderen Charakter. Ich kann es nicht in Worte fassen, es fühlt sich einfach anders an.

Diese Zuneigungen kommen von einem anderen Ort im Kind.

Wahrscheinlich hast du diese Erfahrung auch schon gemacht und weißt wovon ich rede. Ich freute mich sehr, denn ich hatte nicht erwartet, so früh bereits diese tiefe emotionale Bindung meines Kindes erfahren zu dürfen.

Ein Grund zum Feiern!

Denn mit jeder erreichten Bindungsstufe hat mein Kind neue Möglichkeiten, an mir festzuhalten, wenn wir physisch getrennt sind. Die tiefere Bindung eröffnet ihr neue Möglichkeiten, ihre Selbstständigkeit zu leben und sich zu entwickeln. Darum war ich besorgt, als ich merkte, dass die Anzeichen von emotional tiefer Bindung wieder weniger wurden bis sie ganz verschwunden sind. Aktuell schwankt meine Tochter wieder zwischen vierter und fünfter Bindungsstufe hin und her. Ich entspanne mich erstmal. Denn diese Bindungstiefen sind sehr verletzliche Orte. Je tiefer wir gebunden sind, desto verletzlicher sind wir in der Beziehung. Die Wurzeln werden erst ganz vorsichtig in die eventuell gefährlichen Gefilde vorgestreckt. Wenn ein Mensch eine tiefe Bindung an uns hat, dann ist das eine große Verantwortung für uns. Denn wir müssen die uns anvertrauten Menschen sicher und geborgen halten und sie vor Veletzungen schützen. Es gibt viele Dinge, die meine Tochter nun als Trennung und als verletzend empfindet. Da braucht es viel Geduld und Verständnis, um ihr wirklich zu ermöglichen, sich fallen zu lassen. Meine Kleine erlebte in den letzten Wochen wieder sehr viel Konfrontation mit Trennung. Im Kindergarten fielen aufgrund der Grippe alle ihre Bezugserzieher aus, die Hälfte iher Freunde war über einen längeren Zeitraum einfach verschwunden. Sie wurde sehr anhänglich zu Hause und entwickelte Trennungsängste. Ich war genervt und konnte ihre Bedürfnisse nicht immer so beantworten, wie sie es gebraucht hätte.

Ich möchte das hier jetzt auch nicht verkomplizieren.

So viel Theorie ist bei einem so natürlichen Thema eigentlich gar nicht nötig. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es dauert, eine gewisse Tiefe der Bindung zu erreichen, dass es immer mal wieder Rückzüge gibt und dass ich einfach mein Bestes geben sollte, eine verlässliche Bezugsperson zu sein. Der Rest würde sich dann von alleine ergeben.

Ich stelle mir bildlich vor, wie die Bindungswurzeln sich vortasten in das neue Terrain. In ein Terrain, in dem neue Erfahrungen von Nähe und auch Verletzungen warten. Vorsichtig werden sie vorgeschreckt, um zu erahnen, wie sich das anfühlt. Hin und wieder ziehen sie sich wieder zurück, bis es sich sicher anfühlt, für hoffentlich immer so tief zu verwurzeln.

 

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