Alleinerziehend, Beziehung und Bindung
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Wechselmodell für alle Trennungskinder? Was ist das beste Umgangsmodell?

Trennungskinder im Wechselmodellft Nach einer Trennung mit Kindern stellt sich schnell die Frage nach dem passenden Umgansmodell. Wo sollen die Kinder wohnen, wie oft sehen sie das Elternteil, das nicht bei ihnen wohnt? Oder sollen die Kinder von Anfang an im Wechselmodell leben und zwischen den beiden Haushalten hin und her pendeln?

Wer mich kennt erwartet nicht, hier eine pauschale Antwort auf die Frage nach dem passenden Umgangsmodell zu finden. Denn wie alles, was mit Kindern und Familien zu tun hat, kann es nur individuele Lösungen geben.

Die Eltern dürfen ihre Situation genau anschauen und danach entscheiden, was dem Kind am besten tut. Ein klein wenig über die Reifwerdung von Menschen und über die Entfaltung einer tiefen Bindung zu wissen, kann dabei helfen.

Vor Jahren habe ich bereits einen Artikel darüber geschrieben, wie das Wechselmodell, abhängig von der Reife und der Bindung der Kinder, beurteilt werden kann.

Damals kam ich zu dem Schluss, dass ein Wechselmodell erst dann positiv auf das Kind wirkt, wenn es eine gewisse Bindungstiefe erreicht hat. Dies ist meist nicht unter 5-6 Jahren zu sehen. Das deckt sich nun auch mit einem Ergebnis der Studie. Nämlich, dass besonders Kinder zwischen 7-14 Jahren sich ein klein wenig besser fühlen, wenn sie im Wechselmodell leben, im Vergleich zum Residenzmodell. Wenn du mehr darüber wissen möchtest, was die Bindungstiefe mit dem Umgangsmodell zu tun hat, dann lies hier weiter.

Studie zum Wechselmodell für Trennungskinder

Was mich zum Schreiben dieses Artikels veranlasst hat, ist die Unaufgeregtheit, mit der die erste Studie, die in Deutschland zum Wechselmodell durchgeführt wurde, aufgenommen wurde.

Oder haben mich die aufgeregten Stellungnahmen darüber in meiner Bubble nur nicht erreicht? War das Ergebnis vielleicht nicht so wie gewünscht? Wieso bin ich nur durch Zufall über den Bericht über den Artikel auf der Seite der Universität Duisburg Essen, gestolpert? (Meldungen aus der UDE (uni-due.de))

Im Interview mit der Studienleiterin Prof. Dr. Steinbach wurde gleich zu Anfang erklärt, dass das Vorhaben stark angegriffen wurde, weswegen der ursprüngliche Titel der Studie in einen neutraleren Titel umbenannt wurde: „Familienmodelle in Deutschland“. Bei der Beantragung war der Titel weniger Allgemein. (Prof. Dr. Steinbach in diesem Gespräch: FamRZ-Podcast Folge 1: Wechselmodell)

Ein paar Gesprächsnotizen aus oben verlinktem Interview zum Wechselmodell und den Ergebnissen:

 

„Wir konnten feststellen, dass es den Kindern im Wechselmodell so ein bisschen besser geht.“ „Es ist nicht grundsätzlich schädlich oder schlecht, im Wechselmodell aufzuwachsen.“ „Es ist aber auch nicht so unfassbar besser als im Residenzmodell“.

Woran liegt das denn dann? „Es bedeutet letztendlich, dass es natürlich nicht das Modell an sich ist, das gelebt wird, sondern dass es die Umstände sind, wie es praktiziert wird. Den Unterschied macht die Qualität der Beziehungen, zwischen den getrennten Eltern und zwischen den Elternteilen und dem Kind.“

„Wenn es Konflikte gibt zwischen den Eltern, dann wirkt sich das Wechselmodell eher negativ aus. Sie leiden dann stärker unter den Konflikten der Eltern.

„Kinder im Wechselmodell sind nicht stärker gestresst, als Kinder, die in anderen Modellen leben.“ Es kommt viel mehr darauf an, wie man die Umgänge gestaltet, wie die Übergänge gelebt werden.

Wechselmodell, Umgangsmodell

Einschränkungen aller Studien zum Thema Umgangsmodelle:

Das Problem bei allen Studien dieser Art ist, dass die Eltern, die das Wechselmodell praktizieren, immer noch eine selektive Gruppe ist. Teilnehmer der Studie sind weniger die Eltern, die das Wechselmodell gerichtlich erstritten haben. Meist sind es Eltern, die sowieso wenig Konflikte haben und die schon vor der Trennung meist beide in die Kinderbetreuung involviert waren. Oft sind es gut verdienende Eltern, die wenig Konflikte haben, die sich für das Wechselmodell entscheiden.

Kausale Zusammenhänge sind daher bisher schwierig oder kaum nachweisbar.

Ob es den Kindern nun besser geht, weil sie im Wechselmodell leben oder weil sie in einem Umfeld leben, in dem die Eltern wenig Konflikte haben, konnte durch die Studie nicht geklärt oder nachgewiesen werden.

Auf jeden Fall gibt die Studie keinerlei Anlass, davon auszugehen, dass das eine oder andere Modell besser geeignet sei. Pauschale Lösungen gibt es, wie nicht anders erwartet, nicht. Viele Faktoren konnten in der Studie auch nicht miteinbezogen werden. Frau Dr. Steinbach hat die Bewilligung für weiterführende Studien und arbeitet, wie in dem Interview erwähnt, an einer Erhebung, die das Wohlbefinden der Eltern miteinbezieht. Wir dürfen gespannt sein.

Aber was heißt das alles denn nun? Meiner Meinung nach, finden Eltern, die wenig Konkflitpotential haben, das passende Modell für sich und ihre Kinder. Wie bei allem in der Begleitung von Kindern, ist nicht das WAS ausschlaggebend , sondern das WIE.

Für Eltern, die sich nicht einigen können, kann es keine pauschale Lösung geben. Die Studie gibt keine Hinweise darauf, dass das Wechselmodell als die Standardlösung bei Trennungen angeordnet werden sollte. Im Gegenteil.

Umgangsmodell bei kleinen Kindern

Bei kleinen Kindern kann es sicher hilfreich sein, regelmäßige Umgänge zu pflegen, ohne lange Trennungen von der Hauptbezugsperson. Eine flexible Anpassung der Zeiten durch die Eltern, die sich an dem Reifungsstand des Kindes orientiert, ist hier zu begrüßen.

Letzten Endes zeigen uns unsere Kinder doch ganz genau, was sie brauchen, um sich wohl zu fühlen, zur Ruhe zu kommen und zu wachsen und zu gedeihen.

Je älter die Kinder werden, desto besser können sie mit Trennungen von ihren Bezugspersonen umgehen (vorausgesetzt, sie hatten die richtigen Bedingungen, um eine tiefe Bindung zu entfalten). Das anwesende Elternteil kann einiges unternehmen, um die Bindung zum anderen Elternteil zu fördern und auch bei Abwesenheit zu erhalten. Ziel sollte es sein, dass das Kind eine tiefe, sichere Bindung zu beiden Elternteilen entwickelt. Wenn diese Bindungstiefe erreicht wird, das Kind sich also emotional verbunden fühlt, könnte es sich für alle Beteiligten positiv auswirken, das Wechselmodell auszuprobieren.

Umgangsmodelle sollten flexibel bleiben

Persönlich schlimm, finde ich, wenn ein Modell gerichtlich aufgedrückt wird, das dann scheinbar überhaupt nicht mehr änderbar ist. So berichten mir nicht wenige Mütter davon, wie sie ein einmal festgelegtes Wechselmodell für ihr Kind nicht mehr anpassen können, auch wenn das Kind sich offensichtlich nicht gut damit fühlt und dies am Verhalten und an der Kindesentwicklung deutlich wird.

Die Beziehungen untereinander sind wichtiger als das Modell

Ich freue mich auf weitere Studienergebnisse, auch wenn ich mir davon wenig bahnbrechende Erkenntnisse verspreche. Geht es uns gut, geht es unseren Kindern meist besser, als wenn dies nicht der Fall ist. Sind die Beziehungen zwischen den Beteiligten gut, hilft das den Kindern beim Umgang mit der Trennung. Aber auch wenn ein Elternteil sich abwendet und dem Kind „nur“ eine fürsorgliche erwachsene Person zur Verfügung steht, kann es diesen Kindern gut gehen. Egal, wie die Ausgangssituation aussieht. Es hilft nicht, sich das vermeintliche Idealbild herbeizusehnen und auf das zu fokussieren, was nicht ist.

Ein-Eltern-Familien sollten ihren Blick auf das richten, was möglich ist und ihr Leben so einrichten, dass es ihnen und ihren Kindern gut geht. Egal, was die Ausgangssituation ist, lasst uns darauf schauen, wie wir unseren Kindern die bestmöglichen Bedingungen zum Aufwachsen bieten können.

Wenn Gewalt im Spiel ist, auch bei verdeckter, emotionaler Gewalt kann ein Wechselmodell ganz sicher großen Schaden anrichten. Das denke ich, leuchtet jedem ein, ganz ohne wissenschaftliche Studie. Nur leider ist Gewalt oft verdeckt und für unsere Richter nicht sichtbar. Wenn ein Elternteil aber das Wechselmodell einklagt, obwohl es sich zuvor überhaupt nicht um die Kinder gekümmert hat, darf doch mal genauer hingeschaut werden.

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