Beziehung und Bindung, weniger schimpfen
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Was hilft Schulkindern wirklich und wie Eltern die unbeschwerte Kindheit schützen können

Die „Mit meinem Text „Förderung, Nachhilfe oder was hilft Kindern wirklich? Wie Eltern ihr Kind gut durch die Schulzeit bringen können.“ bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018

Über Förderung wird viel diskutiert. Frühförderung scheint in aller Munde zu sein. Aber ob so frühe Förderung wirklich der richtige Weg ist, um  allen Kindern zu ermöglichen, in der Schule den Anschluss zu behalten? Sollte die schulische Laufbahn unserer Kinder überhaupt unser höchstes Ziel sein?

Die meisten Diskussionen zum Thema Förderung drehen sich ausschließlich um die akademische Entwicklung. Klar, diese ist greifbar und messbar. Das kann man mögen oder nicht. Spätestens mit dem Schuleintritt wird gemessen, verglichen, bewertet, belohnt und bestraft.

Über die emotionale Entwicklung und die Entfaltung des menschlichen Potentials machen sich Politiker kaum Gedanken. Bei ihrer Betrachtungsweise geht es um Ergebnisse. Als Eltern wollen wir aber das Beste für unsere Kinder. Was hilft ein 1-er Abitur, wenn unser Kind nicht glücklich ist und nicht weiß wer es ist und was es mit seinem Leben anfangen will? Ein Gedanke, den es sich vielleicht auch mal lohnt zu denken:

Kommt ein akzeptabler Schulabschluss vielleicht auch viel leichter, wenn es dem Kind gutgeht? Wenn für sein emotionales Wohl Sorge getragen wird? Sollte dies nicht an oberster Stelle stehen?

Was ich mir für Kinder wünsche

Wenn ich Schule heute und Schule früher betrachte, gibt es für mich einen gravierenden Unterschied. Früher steht hier übrigens für meine Schulzeit. Ok, ich bin jetzt noch nicht so furchtbar alt –  für meine Tochter und ihre Freunde vielleicht schon. Mein Abitur habe ich 1999 gemacht und eingeschult wurde ich 1985.

Bei uns zu Hause stand Schule nie im Mittelpunkt. Ich kann mich nicht an eine einzige Diskussion zum Thema Schule erinnern, die ich mit meinen Eltern führte. Schule war eben da. Wir mussten dort hin und wir gestalteten uns die Zeit so angenehm wie möglich. Schule war Nebensache, jedenfalls bei mir und meinen Freunden. Ich spürte nie Druck oder Versagensangst. Als ich alt genug war, meine Entschuldigungen selbst zu schreiben, wurde alles noch viel entspannter.

Es gab noch regelmäßig hitzefrei und bei Schnee blieben wir auch oft zu Hause, weil der Schulbus nicht kam. Außerdem verstanden wohl meine Eltern schon, dass ein Tag im Schnee genauso wichtig sein kann wie ein Tag auf der Schulbank. Sie haben mir diese freie Zeit gegönnt und empfanden sie als essentiell.

Zu Grundschulzeiten kam ich spätestens um halb eins nach Hause. Ich warf meinen Ranzen in die Ecke und den ganzen Stress des Schultages gleich mit. Bei meiner Oma stand dann meist schon das Essen auf dem Tisch und ich konnte alle Gedanken an den Vormittag hinter mir lassen. Danach war Spielen angesagt, meist draußen an der frischen Luft. Dabei konnte ich meine Ideen entfalten und mich frei, in einem sicheren Rahmen bewegen. Spielen war keine Nebensache. Nichts, das lediglich als Ausgleich für etwas anderes gesehen wurde. Spielen war das, was Kinder erstrangig tun.

Hausaufgaben waren damals schnell erledigt, sie waren nebensächlich und ganz alleine meine Verantwortung. Im Mittelpunkt des Nachmittags stand das freie Spiel draußen in der Natur, mit den Kindern verschiedenen Alters aus dem Dorf.

Früher war die Schule irgendwann mal zu Ende. Jeden einzelnen Tag. Es ab einen Anfang, welcher meist mit einem Morgengebet begann. Es gab ein deutliches Ende, welches meist mit dem Herausspringen aus dem Schulbus eingeläutet wurde.

Heute gibt es kein echtes Schulende mehr!

Kinder tragen oft den Stress ihres Schulalltages noch lange mit sich herum. Denn wenn sich auch zu Hause vieles um die Schule dreht, fällt Abschalten sicher nicht leicht. Mal davon abgesehen, dass Kinder heute sehr wenig Zeit zu Hause verbringen.

Um in dem verletzenden Umfeld Schule zu bestehen, müssen Kinder sich schützen. Das macht das Gehirn der Kleinen ganz von alleine, völlig automatisch und unkontrolliert. Würden all die kleinen Verletzungen des Alltages nämlich in das Herz der Kinder vordringen, könnten sie kaum im Alltag bestehen.

Diese temporären Panzerungen sind gesund, notwendig und absolut genial von der Natur eingerichtet. Nur, konnte mein Gehirn früher, spätestens um halb Eins diese Panzerungen wieder runterfahren. Mein Herz konnte weich werden, ich konnte all dem Frust im freien Spiel oder beim Frustablassen Raum geben und mich wieder erden für den nächsten Tag.

Ein sicherer Heimathafen für jedes Kind

Wie sollen das Kinder heute machen? Jedes Kind braucht unbedingt einen sicheren Hafen. Einen Ort, an dem es mit all seinen Emotionen angenommen wird. Einen Ort, an dem es nicht bestraft, belohnt oder ständig skeptisch betrachtet und bewertet wird. Kurz: Wo es sein kann wer es ist.

Das wäre die erste Initiative, mit denen Eltern ihre Kinder in der Schule unterstützen können. Durch eine, hoffentlich in den ersten sechs Lebensjahren aufgebaute verlässliche Bindung können Eltern das Herz ihrer Kinder schützen. Um diese wichtige Funktion innehaben zu können, müssen die Kinder ihr Herz aber erstmal ihren Eltern schenken. Wem schenken Menschen ihr Herz? Mein Herz bekommen nur Menschen, denen ich zu hundert Prozent vertraue und bei denen ich mich angenommen und sicher fühle. Bei Kindern ist das nicht anders.

Haben Eltern das Herz der Kinder, dann gibt dies den Kleinen einen wichtigen Schutz vor Verletzungen. Denn ist die Meinung der Eltern wichtiger, als die Meinungen der Mitschüler, dann kann ein „Neben dir will ich nicht sitzen!“ viel eher verkraftet werden als ohne diesen Schutz durch die Bindung.

Es ist die Bindung, die Kinder in einer Welt voller potentieller Verletzungen sicherhält und dafür sorgt, dass die Schutzfunktionen des Gehirns nicht ununterbrochen hochgefahren sein müssen. Ein Kind, das gepanzert durch die Welt läuft lernt wahrscheinlich um einiges schlechter, als ein Kind, das entspannt dem Lehrer zuhören kann.

Solch eine Bindung braucht Zeit. Gemeinsame Zeit. Entspannte Zeit. Erlebnisse, die verbinden. Momente, in denen die Kind-Eltern Beziehung im Mittelpunkt steht. Zeit, in der Eltern in die Welt ihrer Kinder eintauchen und sich interessieren. Kurzum, Familienzeit, die den Kindern das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Das ist schwer umzusetzen, wenn Gleichaltrige im Leben der Kinder eine wichtigere Rolle spielen als die Erwachsenen. Das heißt nicht, dass Kinder keine Freunde bräuchten. Doch, ganz gewiss. Diese sollten jedoch nicht zur Orientierung werden, wie das so oft der Fall ist. Wenn die Meinung der Mitschüler wichtiger wird als die der Erwachsenen im Leben eines Kindes, dann ist das Kind schutzlos allen Verletzungen ausgesetzt.

Wieder mehr Verantwortung in die Hände der Erwachsenen

Wenn wir mal von Ganztagesschulen, Nachmittagsbetreuung und fehlendem sicheren Hafen absehen gibt es noch einen weiteren Grund, wieso es kein Schulende mehr gibt. Einen, der vielleicht gar nicht so offensichtlich ist.

Dank der sozialen Medien sind die Kinder ständig und immer mit ihren Mitschülern verbunden. Und genau da passieren viele Verletzungen. Mobbing über soziale Medien ist mittlerweile ein beliebtes Mittel, mit dem Kinder sich auch noch nach Schulende gegenseitig piesacken. Was dies mit den Panzerungen der Kinder macht, muss ich hier wohl nicht weiter ausführen. Ich würde mir wünschen, dass Eltern und Lehrer sich wieder mehr zuständig fühlen. Können 10-Jährige wirklich schon mit so viel Verantwortung umgehen? Und auch bei 15-Jährigen sehe ich da ganz klare Grenzen.

Den Raum für freies Spiel schützen

Wo früher unstrukturierte, freie Zeit für echtes Spiel stand gibt es heute organisierte Aufbewahrung, Entertainment und Kontakt zu Gleichaltrigen bis in den Abend hinein.

Der sichere Raum für freies Spiel wird immer kleiner. Die wenigsten Aktivitäten, denen heute Kinder und Jugendliche nachgehen, haben etwas mit echtem Spiel zu tun. Spiel ist nicht ergebnisorientiert und kann nur in einem vorgegebenen Rahmen stattfinden, in dem keine Verletzungen befürchtet werden. Es sollte etwas aus den Kindern herauskommen und nicht pausenlos etwas hineingefüllt werden.

Im Spiel entwickelt sich das Selbst des Kindes. Was aber, wenn pausenlos Stimulation in die Kinder fließt und jede noch so kleine Lücke mit Unterhaltung gefüllt wird?

Eltern, schützt diesen Raum für eure Kinder, auch wenn sie sich vielleicht erst wehren. Langeweile ist anstrengend, für alle Beteiligten. Aber gönnt sie euren Kindern. Verplant nicht jeden Nachmittag, gebt dem Kind Raum, sich selbst zu entfalten. Ich kenne diesen leichten Anflug von Panik, wenn das Kind mit Langweile droht. Vertraut euren Kindern und darauf, dass sich Ideen aus dem Inneren des Kindes entwicklen werden. Das Kind wird bewegt werden, wenn es den Raum dazu bekommt.

Ein Bindungsdorf macht vieles einfacher, auch Schule!

Ein weiterer Punkt, der mir sehr am Herzen liegt. Die Bindung eures Kindes zu euch ist wichtig, das sollte der Artikel klargemacht haben. Wichtig ist aber auch eure Bindung zu den Lehrern und den Erwachsenen im Leben eures Kindes. Es wäre so viel einfacher, wenn Eltern wieder mehr ins Schulleben integriert wären. Wenn es sich mehr wie eine Gemeinschaft anfühlen würde. Sprecht mit den Lehrern, den Eltern der anderen Kinder, gebt euren Kindern das Gefühl, Teil des großen Ganzen zu sein. Vielleicht lassen sich gemeinsame Erlebnisse organisieren. Überlasst die Kinder nicht sich selbst in der Schule. Es heißt so schön, es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Lasst die Schule Teil dieses Dorfs sein. Ich glaube, damit wäre schon vieles gewonnen.

Der dringend benötigte Puffer

Zu allerletzt, aber nicht weniger wichtig. Kinder brauchen einen Puffer. Einen starken Puffer zwischen jedem Kind und den Anforderungen der Gesellschaft. Der Druck, den Kinder heute bereits in frühen Jahren spüren ist unnötig und völlig kontraproduktiv. Stellt euch vor eure Kinder und sorgt dafür, dass ihre Kindheit so unbekümmert, wie irgendwie möglich ist. Seid nicht Teil des Druckes, sondern der Schutz davor.

Schule ist nicht alles. Glaubt an eure Kinder und schaut, was sie brauchen. Nicht jedes Kind passt in jedes System. Zum Glück gibt es heute meist Alternativen. Versucht nicht, jedes Kind mit allen Mitteln passend zu machen. Es ist nichts falsch mit den Kindern, nur weil sie nicht ewig lange stillsitzen können. Keine Note dieser Welt ist es wert, die Leichtigkeit der Kindheit aufs Spiel zu setzen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass jedes Kind so viel besser durch die Schulzeit kommt und sich ein weiches Herz und die Neugierde für diese Welt bewahren kann. Traut euch. Nichts ist richtig, nur weil Alle es tun. Und nichts ist falsch, nur weil Wenige es tun.

Tanzt im Regen, lasst 5 gerade sein, habt Spaß, verbindet euch, rückt den Fokus zurecht, spielt, macht mal alle gemeinsam blau, oder um es mit Astrid Lindgren´s Worten zu sagen:

Sei frech, sei wild und wunderbar!

 

 

 

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