Beziehung und Bindung
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“Zahnlückenpubertät, Autonomiephase und magische Phase”-was steckt dahinter und wieso sind diese Begriffe nicht immer hilfreich

Hat es auch auf dich einen beruhigenden Effekt, wenn du hörst, dass das Verhalten deines Kindes sich ganz einfach mit einer Phase erklären lässt? Dann geht es dir so wie vielen anderen Eltern. Es liegt wohl in der Natur von uns Menschen, dass wir immer alles schön strukturiert einordnen müssen. Aber entwickeln sich Kinder tatsächlich nach einem Schema oder übersehen wir vielleicht etwas, wenn wir herausforderndes Verhalten als eine alterstypische Phase abtun?

Die Gefahr, die ich in dem Denken in all diesen Phasen sehe ist, dass Eltern passiv werden.

Ja, ja alles eine Phase, da müssen wir eben durch. Dennoch seltsam, dass eben nicht alle Kinder jede Phase so intensiv ausleben. Vielleicht muss es ja doch gar nicht ganz so anstrengend sein.

Wieso schauen wir nicht genauer hin und finden heraus, was wirklich hinter dem Verhalten steckt? Seitdem ich das tue und mich von dem Phasengedanken verabschiedet habe bin ich wieder viel gelassener und kann die Zeit mit meinem Kind jeden Tag genießen, fast jeden Tag zumindest.

Zum Thema Autonomiephase habe ich hier bereits ausführlich geschrieben und festgestellt, dass es auch noch einen anderen Instinkt gibt, der so aussehen kann, wie Autonomiestreben, aber eben eine andere Ursache hat. Der Gegenwille wird sehr häufig mit Autonomiestreben durcheinandergebracht, was zur Folge hat, dass das Verhalten als Phase abgetan wird, anstatt sich die Beziehung genauer anzuschauen.

Die wirklich starken Wutausbrüche meiner Tochter hatten ihre Ursache zum Großteil im Gegenwilleninstinkt und nicht aufgrund von Autonomiestreben.

Mit dem Thema habe ich mich sehr ausführlich beschäftigt, weil ich von einem Aha-Moment zum nächsten staunte. Zu sehr war ich geprägt, von den angeblichen Fakten zur Autonomiephase, so dass wesentliche Dynamiken oft übersehen werden.

Aber diese sogenannte Phase kann auch weniger anstrengend sein, sie kann sogar sehr schön sein, wenn wir hinter das Verhalten blicken.

Ich muss gestehen zur Zahnlückenpubertät habe ich mich noch nie wirklich belesen. Ich habe aber auch gar keine Lust dazu. Weil ich es satt bin, Kinder in diese Schubladen zu stecken. Mein Wunsch ist es, genau hinzusehen und herauszufinden, was hinter bestimmten Verhaltensweisen steckt. Letzten Endes wurde dieser Begriff doch kreiert, weil viele Kinder im selben Alter ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Viele, aber eben nicht alle. Und es sind die, die nicht in die sogenannte Zahnlückenpubertät kommen, die man genauer betrachten sollte. Denn offensichtlich erleben sie etwas anders als die anderen.

Wenn ich mir immer nur Bestätigung von denen hole, die Ähnliches erleben, werde ich nicht auf den Grund der Problematiken kommen.

Wenn ich nicht jede Situation individuell anschaue, auch nicht. Das einzige, was dieser Stempel bewirkt, ist doch, dass die Eltern sich sagen „Ach, ja jetzt sind wir in der Zahnlückenpubertät angekommen, da kann man sowieso nichts machen!“ Ganz genau, wie das auch mit der Pubertät passiert. Man kann eben doch etwas machen. Immer und jederzeit.

Nämlich schauen, was treibt mein Kind um? Die Zahnlückenpubertät tritt ja soweit ich weiß, ab dem 5. Lebensjahr auf. Ach, was für ein Zufall. Ein Jahr vor der Schule und in der Zeit, in der das Kind sich in Richtung gemischte Gefühle entwickelt. Also eine Zeit, in der ganz viel passiert.

Diese Zeit, bevor die Schulzeit beginnt, ist sehr alarmierend für ein Kind.

Aus Alarm werden nicht selten Ängste. Ängste vor Monstern unterm Bett, Ängste vor diesem und jenem. Plötzlich wird das Kind ständig auf das Thema Schule angesprochen. Woher soll das Kind wissen, ob es sich darauf freut? Es hat keine Ahnung, was da auf es zukommt. Es weiß nur, dass sein Alltag ganz anders aussehen wird. Dass es seine geliebten Erzieher nicht mehr sehen wird, dass seine Mama es morgens nicht hinbringen und nachmittags auch nicht abholen wird. Meine Tochter hat gehört, dass sie dann ganz viel ruhig sitzen muss und hat tierisch Angst davor, weil sie das noch nicht kann. Das 5-jährige Kind hat keine Ahnung, wie das werden wird. Vermutlich trägt es großen Alarm in sich. Denn auch Erwachsene sind meist nervös, wenn sie auf etwas Unbekanntes zusteuern.

Auf jeden Fall ist dieses letzte Jahr vor der Schule mit ganz viel Unsicherheit behaftet. Und da können Eltern durchaus etwas tun. Mehr, als nur zu denken, dass das Kind eben in der Zahnlückenpubertät angekommen sei.

Um es auf den Punkt zu bringen, die Kinder sind mit ganz viel Trennung konfrontiert. Alles wird anders werden, kaum etwas bleibt so wie es ist. Trennung ruft drei Emotionen hervor:

Intensiviertes Nähestreben, Alarm und Frustration.

Mit Trennung ist nicht ausschließlich physische Trennung gemeint. Je tiefer die Bindung desto mehr Wege gibt es, um sich mit Trennng konfrontiert zu sehen. Hier habe ich dazu geschrieben.

Frustration kommt nicht selten als Aggression heraus. Es gibt also ganz viel Gründe für diese Kinder, Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche zu haben.

Denn die Kinder merken auch, dass sie wenig Mitspracherecht haben und das kann ganz schön frustrierend sein.

In Zeiten von zu viel Konfrontation mit Trennung können Eltern ganz viel Fokus auf das lenken, was bleibt. Außerdem können bevorstehende Trennungen überbrückt werden. Mit den Erziehern kann der Kontakt gehalten werden. Mit dem Kind können Eltern besprechen, wie sie gemeinsam dafür sorgen, dass es seine Erzieher weiterhin ab und zu sehen kann oder wie es auf andere Weise die Verbindung aufrechterhalten kann. Denn ist es auf der 5. Bindungsebene, also emotional an die Erzieherin gebunden, dann kann es sich auch bei Abwesenheit verbunden fühlen. Es gibt viele Möglichkeiten, solche Verbindungen aufrecht zu erhalten. Davon abgesehen könnten die Erzieher auch ganz viel für die Kind-Lehrer Bindung leisten. Sie könnten vermitteln, in dem sie dem Kind von dem neuen, tollen Lehrer erzählen. Dass der neue Lehrer sie sicher mögen wird und dass sie auch dann ganz viel an es denken werden, wenn sie es nicht mehr täglich sehen.

Zwischen dem 5. Und 7. Lebensjahr entwickelt das Kind außerdem, wenn alles ideal läuft, gemischte Gefühle. Das bedeutet ein ganz neues Erleben für das Kind. Es sieht nicht mehr schwarz oder weiß, sondern muss sich plötzlich mit den ganzen Grautönen auseinandersetzen. Es ist nicht mehr glücklich oder traurig, sondern kann beides gleichzeitig spüren. Das ist ein riesiger Schritt für die Kinder. Es muss schrecklich verwirrend sein. Noch vor einem Jahr war klar, dass sie entweder ihren Freund gerade lieben oder eben gerade nicht lieben. Es gab kein dazwischen. Jetzt werden sie gestört von dem „einerseits“ „andererseits“. Ich stelle mir das sehr alarmierend vor. Plötzlich ist Chaos im Kopf.

Auch hierbei können Eltern unterstützen. Indem sie das artikulieren, was das Kind gerade spürt. „Ja, ich weiß, einerseits bist du sehr traurig und enttäuscht, weil ich dir xyz nicht erlaube, aber andererseits willst du einen schönen Tag mit uns verbringen. Was können wir tun, um den Tag gemeinsam zu genießen?“

Die gemischten Gefühle hervorlocken, wie ich bei Gordon Neufeld gehört habe. Denn das kann man durchaus unterstützen. Es wird dauern, bis ein Kind seine Gefühle verlässlich mischen kann. Hier entsteht nämlich Impulskontrolle, indem das ausgleichende Gefühl dazukommt und nicht wie so oft gehört, indem Kinder lernen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Auf Facebook habe ich letztens einen Kommentar zur magischen Phase gelesen. Darin ging es um Monster unter dem Bett. Es ist natürlich einfach, hier auf die magische Phase zu verweisen. Wenn man aber weiß, dass solche Ängste von einer Emotion ausgelöst werden, sieht die Sache anders aus. Angst wird durch einen Alarm ausgelöst und nimmt oft ungewöhnliche Formen an. Alarm ist eine der Emotionen, die bei Konfrontationen mit Trennung hervorgerufen wird. Immer wenn mein Kind Ängste hat, schaue ich mir an, wo es mit Trennung konfrontiert ist und konzentriere mich darauf, ihr Sicherheit zu geben.

Ich könnte ewig weitere Beispiele aufführen. Wobei es mir in diesem Artikel darum geht, dazu anzuregen, hinter diese Einteilung in Phasen zu blicken. Ja, es gibt schwierige Zeiten, aber Eltern sind diesen eben nicht ausgeliefert und müssen diese nicht „über sich ergehen lassen“. Viele Symptome dieser Entwicklungsschritte sind nicht notwendigerweise da. Eltern können den Kindern sehr viel dabei helfen, durch diese herausfordernden Zeiten zu kommen, mit viel Geduld, Verständnis, Sicherheit und Geborgenheit.

Wenn man die Entwicklungen hinter dem Verhalten sieht, kann es großen Spaß machen, die Kinder dabei zu begleiten. Für mich gibt es kein größeres Wunder, als der Entwicklung des menschlichen Potentials zuzuschauen.

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