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Ein Meilenstein in der Entwicklung – die ersten gemischten Gefühle und die Geburt des eigenen Willens

Schon in meinem Artikel zum Thema Frustrationstoleranz bin ich auf die Problematik rund um das Mischen von Gefühlen eingegangen. Vorschulkinder sind selten vor 5-7 Jahren in der Lage, Gefühle zu mischen.

Bei intensiv fühlenden Kindern kann dies oft wesentlich länger dauern. So war ich sehr gespannt, wann sich das erste Mal bei meiner Tochter ankündigen würde, dass sie mehr als eine Perspektive gleichzeitig einnehmen kann.

Desto überraschter war ich als sie neulich, völlig nebenbei beim Autofahren zu mir sagte: „Mama, eigentlich will ich nicht alleine auf den Geburtstag, ich gehe aber trotzdem, weil ich Geburtstage liebe!“

Bum! Da waren sie, die ersten gemischten Gefühle!

„Du hast also ein bisschen Angst, alleine dahinzugehen, willst es aber trotzdem tun, weil du Geburtstage so gernhast!“

„Ja, genau Mama!“

Erst ab dem Zeitpunkt kann überhaupt erst von Mut gesprochen werden. Denn zuvor sind Kinder einfach einer Emotion ausgeliefert. Entweder voller Tatendrang oder eben voller Angst. Sie können die Angst und das trotzdem Tun wollen nicht gleichzeitig spüren. Sehnsucht und Vorsicht. Es ist immer ein „entweder“- „oder“. Niemals ein „einerseits“- „andererseits“.

Wunsch und Alarm, viele Kinder können nicht beides gleichzeitig sehen. Aber genau das ist die Antwort der Natur auf impulsives Verhalten – ab da fängt Reflektieren an.

Auch erst ab da kann man von einem Willen sprechen. Zuvor sind Kinder durch ihre Emotionen bewegt. Sie entscheiden nicht bewusst, sie wägen nicht ab.

Die Behauptung, ein 2-jähriges Kind habe einen außergewöhnlich starken Willen, ist unter dem Gesichtspunkt eigentlich unsinnig.

„Das Kind wird so stark von seinen Emotionen bewegt, dass es keine anderen Gesichtspunkte unter Betracht ziehen kann“ – würde es besser treffen. Bei einem Kleinkind von einem Willen zu sprechen ignoriert, dass es zum großen Teil von Emotionen bewegt wird und niemals bewusst entscheidet.

Das war wirklich ein AHA- Moment während dem vor kurzem besuchten Seminar „Die Wissenschaft der Emotionen“ am Neufeldinstitut.

Erst mit der Geburt von gemischten Gefühlen sind Menschen überhaupt erst in der Lage, einen Willen zu entwickeln. Davor sind wir sehr stark durch unsere Emotionen bewegt und handeln unüberlegt. Kleinkinder reflektieren ja nicht, was sie nun tun und was nicht. Die Handlungen kommen einfach aus ihnen heraus, so scheint es auf jeden Fall.

Ich habe mich riesig darüber gefreut, die frühen Anzeichen für das Mischen von Gefühlen bei meiner Tochter beobachten zu können und habe abends direkt darauf angestoßen. Es ist ein echter Meilenstein.

Die Frucht eines Entwicklungsprozesses, nichts etwas man einem Kind beibringen kann.

„Die Fähigkeit zur Reflexion ist mehr das Ergebnis von gemischten Gefühlen als die Ursache dafür! Konzentrieren wir uns auf die Wurzeln oder auf die Früchte? Wir sollten wie Hebammen den Prozess unterstützen bis hin zur Geburt von gemischten Gefühlen.“ (-Gordon Neufeld)

Die meisten Ansätze legen den Fokus auf die Frucht. Nämlich darauf, Kindern beizubringen, ihre Gefühle zu kontrollieren. Damit stören wir den natürlichen Prozess. Denn unsere Kinder brauchen all ihre Gefühle, um Raum für die Entwicklung von gemischten Gefühlen zu haben.

Diese Entwicklung hat ganz viele Veränderungen im Verhalten meiner Tochter mit sich gebracht und aktuell fordern mich viele davon so richtig heraus. Auch ich muss mich nun erstmal daran gewöhnen, dass aus meinem kleinen Mädchen langsam ein großes Mädchen wird, dessen Bedürfnisse sich mit jeder Entwicklung verändern und an die es sich anzupassen gilt. Natürlich wird es noch lange dauern, bis sie Gefühle verlässlich mischen kann. Es bereitet mir große Freude, sie von Anfang an dabei zu begleiten.

 

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