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Impulskontrolle – gelernt, beigebracht, geübt oder einfach eine Frage der Reife?

Die Zeit, in der ein Kind noch nicht über eine gewisse Impulskontrolle verfügt, kann Eltern schon mal den letzten Nerv rauben. Wutausbrüche können ungeahnte Kräfte entfalten und haben mich in ihrer Intensität schon des Öfteren überfordert.

Es gibt unzählige Ratschläge, Strategien mit dem Kind zu entwickeln, wie es besser mit seiner Wut umgehen kann. Für mich haben diese ganzen Ansätze, die auf das Verhalten abzielen noch nie irgendeinen Sinn gemacht.

Vor allem seitdem ich am Neufeld-Institut studiere vertraue ich auf den Plan der Natur und auf die natürliche Reifwerdung meines Kindes. Impulskontrolle ist nichts, was erlernt wird. Sie reift heran, wenn die Bedingungen günstig sind. Und zwar frühestens ab dem 5. Lebensjahr, bei intensiv fühlenden Kindern kann das auch schon mal ein paar Jahre länger dauern. Es ist ein Prozess, an dessen Ende die Impulskontrolle steht.

Du kennst sicher auch genügend Erwachsene, die ihre Impulse nicht stets unter Kontrolle haben. Alter ist kein Garant für Reife. Sind wir müde, genervt, angestrengt, haben wir viel weniger Kontrolle über unsere Impulse.

Die Natur hat immer ihren Grund, es gibt eine Ordnung. Wie sind wir eigentlich dazu gekommen, anzunehmen, dass wir es besser wissen, als die Natur? Unsere Kinder müssen erst ihre Gefühle einzeln kennenlernen, bevor sie in der Lage dazu sind, diese zu mischen. Ein Vorschulkind kann nur ein Gefühl zurzeit wahrnehmen. Das erklärt auch, wieso Kinder entweder glücklich oder traurig sind. Uns lieben, oder vor Frustration auf uns einschlagen.

Die präfrontale Hirnrinde ist schlichtweg nicht reif genug, um die Gefühle zu mischen. „Einerseits will ich mit dir spielen, weil ich dich gernhabe, andererseits bin ich so frustriert, dass ich dich hauen will!“ So einen Satz werden wir von einem unter 5-Jährigen Kind kaum zu hören bekommen.

Für mich ist diese Erklärung aus der Ecke der Entwicklungspsychologie so logisch und intuitiv richtig, dass ich immer wieder erstaunt bin, wie sehr sich verhaltensorientierte Ansätze durchgesetzt haben.

Es ist so schön, sich zurückzulehnen und zu sehen, wie sich die Impulskontrolle in meiner Tochter von ganz alleine entwickelt.

Gordon Neufeld hat 3 Gesetze der Emotionen formuliert.

Emotionen suchen nach Ausdruck, müssen also raus.

Vergleichbar mit verdauter Nahrung. Wir loben ein Kind doch auch nicht, wenn es drei Tage ohne Toilettengang geschafft hat. Bei der Kontrolle von Emotionen hingegen kommen häufig noch Belohnungssysteme zum Einsatz. Wenn die Wichtigkeit des Ausdrucks von Emotionen mittlerweile auch überall bekannt sein sollte, herrschen andere Praktiken vor. „Sei nicht traurig! Schlag mich nicht! (übersetzt im Kind zu: Fühle nicht!“), sei doch nicht so laut! Spring nicht so herum…!

Anstatt, dass wir dem Kind helfen, die Emotionen auszudrücken. „Ich sehe, du bist frustriert. Komm, lass uns versuchen, diese Frustration aus dir rauszulassen!“

Der Raum, die Gefühle zeigen zu können, ohne negativen Einfluss auf die Beziehung ist so wichtig im Erlangen echter Impulskontrolle.

Das zweite Gesetz der Emotionen (nach Gordon Neufeld) lautet, dass Emotionen gefühlt werden müssen.

Was so selbstverständlich erscheint, ist leider nicht so selbstverständlich.

Erst im Erwachsenenalter habe ich festgestellt, dass ich bestimmte Emotionen nicht spüren konnte, also nicht bewusst wahrnehmen konnte. Sie sind aber dennoch da. Wir nehmen nur wahr, was vorhanden ist, was fehlt sehen wir nicht. Und so ist das auch bei Kindern. Wie viele Kinder können nicht mehr weinen? Können nicht mehr sagen, dass sie traurig oder enttäuscht sind? Kinder, die keinen sicheren Raum haben, um bestimmte Emotionen auszudrücken, werden diese nicht mehr spüren. Dabei muss auch ich sehr aufpassen. Denn in meiner Kindheit hatten nicht alle Emotionen Platz zum Ausdruck. Gefühle wurden in negativ und positiv eingeteilt und somit hatte ich lange Zeit unwillkommene Emotionen nicht mehr bewusst wahrgenommen. Es sind genau diese Emotionen, die mich triggern, wenn meine Tochter sie zeigt. Jammern klingt für mich wie ein Zahnarztbohrer, so schmerzhaft und alarmierend. Meiner Kleinen dennoch den Raum zu bieten, alle Emotionen auszudrücken, fällt nicht immer leicht.

Das dritte Gesetz, besagt, dass Emotionen nach Ausgleich streben.

Und genau hier entsteht die Kontrolle über unsere Impulse. Die ausgleichende Emotion wird hinzugefügt und das Kind wird langsam in der Lage sein, weniger impulsiv zu handeln. Es wird abwägen können, mehr als eine Perspektive einnehmen und mehr als ein Gefühl wahrnehmen können. Das sorgt dann dafür, dass die Emotion nicht mehr gleich zum Handeln bewegt, sondern erstmal zum Innehalten und Abwägen. Das ist die Frucht des Prozesses und nicht der Prozess selbst.

Wenn wir also, wie so häufig auf die Frucht fokussieren, stören wir den natürlichen Prozess.

Die Natur fügt immer etwas hinzu, es geht nie darum, etwas wegzumachen. Es bringt also nichts, unseren Kindern beizubringen, ihre Gefühle zu unterdrücken. Denn nur Emotionen, die gefühlt werden, können gemischt werden.

 

 

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