Beziehung und Bindung
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Die Ursache vieler Alltagsprobleme mit Kindern?

Kinder brauchen Bindung

An verschiedenen Stellen habe ich den Ausdruck „Konfrontation mit Trennung“ bereits gebracht. Als ich bei Gordon Neufeld über dieses Thema gestolpert bin ist es mir wie Tomaten von den Augen gefallen.

Unsere Kinder sind immer mit mehr und mehr Trennung konfrontiert. Mal von den alltäglichen Trennungssituationen abgesehen, werden Kinder immer früher fremdbetreut, sollen immer früher selbstständig sein und ihre Probleme selbst regeln. Durch das Erziehen mit Konsequenzen und Strafen werden Kindern ständig Trennungserfahrungen zugemutet.

Es scheint geradezu normal zu sein mit Konsequenzen und Drohungen zu arbeiten.

Alleine schon der unzählig oft gehörte Satz „na, dann geht Mama jetzt ohne dich nach Hause!“ stellt eine Konfrontation mit Trennung dar, mit der das Bindungswesen Mensch nur ganz schlecht klarkommt.

Was ist denn nun alles Trennung? Dazu hier nochmal kurz die Bindungsstufen:

  1. Sinne – nicht zusammen sein können
  2. Gleichheit – nicht so sein wie
  3. Zugehörigkeit/Loyalität – nicht dazugehören
  4. Wertschätzung – nicht wichtig sein
  5. Liebe – nicht geliebt werden
  6. Innere Vertrautheit – nicht gekannt und verstanden werden

Für ein Kind auf der 6. Bindungsstufe ist es eine Erfahrung mit Trennung, wenn es der Mama oder dem Papa etwas verheimlichen muss, um sie nicht zu verletzen oder zu enttäuschen. In dem Fall ist es dann ein Geheimnis, das trennt.

Ein Kind, das über Wertschätzung gebunden ist empfindet es als sehr verletzend, wenn es diese Wertschätzung nicht bekommt. Meine Kleine ist gerade auf dieser Stufe und es erfordert wirklich sehr viel Geduld und Ruhe meinerseits. Ständig will sie gesehen werden, will wichtig sein, wertgeschätzt sein. Sie will helfen und sich dadurch wertvoll fühlen. Auf dem Spielplatz muss ich ihr ständig sagen, dass ich sie sehe und dass ich sehe, wieviel Spaß sie hat, etc.

Auf jeder Bindungsstufe gibt es Konfrontationen mit Trennung. Je tiefer die Wurzeln, desto verletzlicher sind sie. Die Tiefe kann sich durch einen großen Vertrauensbruch und eine Verletzung auch wieder zurückbilden.

Trennung löst immer 3 Grundemotionen aus. Jeder, der sein Kind einmal im Supermarkt verloren hat, kann das nachempfinden. Als allererstes streben wir nach Nähe. Unser geliebter Mensch ist weg. Wir gehen direkt auf die Suche und streben an, wieder vereint zu sein. Gleichzeitig werden die Emotionen Alarm/Unruhe ausgelöst, die Vorschulkinder aber noch nicht gleichzeitig spüren können. Als Erwachsene können wir dies. Wie laufen unruhig, völlig aufgebracht im Supermarkt herum und suchen unser Kind. Wenn wir es endlich gefunden haben, schließen wir es erleichtert in die Arme und als nächstes zeigt sich dann meist die dritte Grundemotion, die durch Trennung ausgelöst wird. Die Frustration. Wir holen tief Luft und schimpfen: “Tu das bloß nicht noch mal!“

Bei Kindern kommt die Unruhe dann oft abends hoch, wenn sie einschlafen sollen. Plötzlich sehen sie Monster unterm Bett und können nicht mehr einschlafen, weil sie Angst haben.

Bereits die vorweggenommene Trennung löst diese Emotionen in Kindern aus. Es reicht also schon, Angst zu haben, Mama oder Papa könnte das Bild nicht mögen, um in dem Kind diese Emotionen hervorzurufen. Die Angst, Mama oder Papa könnten sterben löst ebenfalls heftige Emotionen im Kind aus. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir Kinder immer nur mit so viel Wahrheit konfrontieren, wie sie ertragen können.

Die Antwort auf die Frage, ob Mama oder Papa sterben werden sollte in jungen Jahren lauten: „Wir werden immer deine Mama und dein Papa sein.“ Mit mehr kann ein Kind bis zu einer gewissen Entwicklungsreife nicht klarkommen. Wir lenken den Fokus auf das, was gleich bleibt – so verringern wir die Konfrontation mit Trennung.

Wenn du nun dein Kind durch diese Brille betrachtest, kannst du dir überlegen, wo es mit Trennung konfrontiert ist. Mir hat das Wissen sehr geholfen, meine Kleine besser zu verstehen und aufzufangen. Denn nun sehe ich Trennung unter ganz anderen Aspekten. Es geht eben nicht nur um die physische Trennung. Ein Blick kann zum Beispiel schon eine Konfrontation mit Trennung sein und Nähestreben, Frustration und Unruhe im Kind auslösen.

Wir können nicht alle Konfrontationen mit Trennung verhindern. Mama muss zur Arbeit, Papa kann nicht immer mit dem Kind spielen und manchmal überrennen uns einfach unsere Gefühle und wir ergreifen den falschen Ton. Das Leben hält einfach viele Trennungserfahrungen bereit.

Aber unsere Reaktion auf die Emotionen, die beim Kind durch eine Trennung ausgelöst werden, können wir durchaus beeinflussen.

Oft geschieht es nämlich, dass Kinder für die Frustrationen und die Unruhe, die durch Konfrontationen mit Trennung ausgelöst wurden, noch bestraft werden.

Mir hat dieses Wissen geholfen, nicht mehr so genervt zu reagieren, wenn meine Tochter bindungshungrig um meine Aufmerksamkeit ringt. Ich versuche dann eher, mich auf sie zu fokussieren und ihr Streben nach Nähe zu übertrumpfen.

Wenn sie abends nicht einschlafen kann, sondern unruhig im Bett herumrollt, lasse ich den Tag Revue passieren und refklektiere, wo sie  Trennungserfahrungen erlebte. Dann versuche ich, sie durch Nähe zu beruhigen und nicht indem ich ihr sage, sie solle jetzt endlich Ruhe geben. Denn häufig passiert es, dass Kindern dann sowas gesagt wird, wie: “Wenn du jetzt nicht ruhig liegen bleibst, gehe ich und du musst alleine einschlafen!” – und die nächste Konfrontation mit Trennung ist perfekt. Und obwohl ich das alles nun weiss, passiert es mir in manchen Situationen immer wieder, dass ich mit noch mehr Trennung reagiere.

Es geht ja nicht darum, perfekt zu sein, sondern viel mehr darum, sich in die richtige Richtung zu bewegen.

 

Was aber, wenn das Kind immer um die Nähe kämpfen muss? Dem Thema werde ich mich in einem zukünftigen Artikel widmen.

 

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