Beziehung und Bindung
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Gedanken zum Wechselmodell – durch die Brille der Entwicklungspsychologie

Für mich als alleinerziehende Mutter hören sich die harten Fakten rund um das Wechselmodell erstmal vielversprechend an. Vor allem höre ich erstmal Entlastung heraus. Denn aktuell liegt 95% der Erziehungsleistung und der finanziellen Verantwortung bei mir.

Wenn also die Bedingungen optimal sind, Vater und Mutter sich mögen und beide für das Kind da sein wollen und sich verstehen, warum nicht…dachte ich bevor ich mich ausführlich mit Entwicklungspsychologie und der Reifung von Menschen beschäftigt habe.

Wenn man nun aber weiß, dass sich die Bindungstiefe idealerweise in den ersten 6 Jahren entwickelt und es dazu nötig ist, dass das Kind so wenig mit Trennung konfrontiert ist wie irgendwie möglich, dann fängt man an, das Wechselmodell nochmal zu überdenken.

Denn es wird schnell klar, dass das Wechselmodell für Kinder mit einer oberflächlichen Bindungstiefe eine permanente Konfrontation mit Trennung von einem Elternteil bedeutet. Es kann schlichtweg nicht zu beiden Elternteilen gleichzeitig eine tiefe Bindung entwickeln, wenn es im Wochenrhythmus von einer seiner Bezugspersonen getrennt ist.

Das ist in der Regel nicht möglich.

Diese Kinder können am jeweils anderen Elternteil nicht emotional festhalten, sind also immer mit Trennung konfrontiert. Um nicht mit Trennung konfrontiert zu sein sollte das Kind mindestens die 5. Bindungsstufe erreicht haben. Nur so kann es an dem jeweils anderen Elternteil festhalten. Es wird Mama oder Papa nach wie vor vermissen, sich aber dennoch verbunden fühlen.

Dann kommen schnell die Befürworter und sagen, dass die Kinder sich aber wunderbar in diesen Lebenssituationen anpassen und sie keine Auffälligkeiten zeigen. Na klar tun sie das, vielleicht. Das tun Kinder so gut wie immer. Zumindest für eine gewisse Zeit.

Aber zu welchem Preis? Diesen sehen wir nicht. Denn wir sehen in der Regel nur das was da ist, und nicht das, was eigentlich da sein sollte. Das Gehirn des Kindes opfert immer die Reifwerdung für das Nähestreben.

Das Kind wird sich passend machen, um angenommen, um akzeptiert und geliebt zu werden. Die kindliche Reifung ist in diesem Fall dann Luxus. Das wird erstmal nicht weiter auffallen, weil Kinder ja nun mal funktionieren.

Wenn man sich dann weiter mit dem Thema Trennung beschäftigt findet man schnell heraus, dass Trennung einer der Haupursachen für die Unruhe im Kind ist. Trennung löst immer 3 Kernemotionen aus, nämlich Nähestreben, Alarm/Unruhe und Frustration. Von kleinen Kindern kann immer nur eine dieser Emotionen gespürt werden. So kommen die anderen Emotionen dann nicht selten an völlig unerwarteten Stellen an die Oberfläche. Das wird dann mit dem Wechselmodell oder sonstiger Konfrontation mit Trennung gar nicht mehr in Verbindung gebracht.

Zusammenfassend stelle ich als alleinerziehende Mutter fest, dass die Entlastung von einigen Alleinerziehenden sicher sehr erwünscht wäre, der Preis aber, der dafür gezahlt wird am Ende doch zu hoch ist.

Dann vielleicht doch besser warten bis das Kind, tief an ein Elternteil gebunden ist. Das ebnet dann auch den Weg für die tiefe Bindung an den anderen Elternteil. Von da an kann ein Kind mit der Konfrontation mit Trennung anders umgehen und Trennungen besser überbrücken.

Funktionieren tut das natürlich auch nur, wenn beide Elternteile gut kommunizieren und ihre Spannungen aus der Kinderwelt fernhalten können. Wenn das Kind in einen Loyalitätskonflikt gerät funktioniert kein Modell.

 

6 Kommentare

  1. Manuel sagt

    Ich lebe von meiner Frau seit fast 3 Jahren getrennt und wir haben das Wechselmodell von Anfang an praktiziert. Zum Einen aus finanziellen/organisatorischen Gründen, zum Anderen aber auch weil unsere Kinder stark an uns gebunden waren und sind und wir diese Bindung nicht kaputt machen wollten. Mir war immer klar, dass auch dieses Modell kein Ideal ist, aber ein besseres (für alle!) habe ich nicht gesehen. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Es ist insbesondere die starke Bindung die wir hier erleben, die mich sicher sein lässt, dass es eine gute Entscheidung war, womöglich die bestmögliche. Es läuft natürlich nicht ideal und die Kinder haben sich soweit angepasst, dass es mir schwer fällt, eventuelle Auffälligkeiten im Verhalten auf die Wechselpraxis zurückzuführen. Ich glaube aber relativ fest, dass die Herausforderungen größer wären wenn wir ein anderes Lebensmodell geführt hätten. Ich weiss nicht, was die Bindungsstufe 5 ist, kann mir aber vorstellen, dass an diesem Punkt die Bindung zum selten anwesenden Elternteil eine völlig andere Qualität erreicht hat als die zum anwesenden Elternteil. Ich zweifle daran, dass das so viel besser ist als eine hohe Qualität der Bindung zu beiden Eltern. Das setzt natürlich voraus, dass die Bindung im Wechselmodell eine hohe Qualität erreichen kann, davon bin ich aber überzeugt. Am Ende hängt das aber auch ganz stark von den beteiligten Personen ab und den Lebensumständen ganz allgemein, dem Alter der Kinder etc pp. und ist nicht vollständig einem Modell anzulasten oder gutzuschreiben. Chancen und Risiken gibt es überall. Ich habe im Wechselmodell die größten Chancen gesehen.

    • Hallo Manuel,

      Danke für deinen Kommentar. Klar muss jede Familie das für das Kind beste Modell wählen. Dennoch bleibe ich dabei, gerade bei sehr jungen Kindern ist das Wechselmodell selten das beste Modell. Die 5. Bindungsstufe erkennst du daran, dass dein Kind dir sein Herz schenkt. Es entsteht eine emotionale Nähe, zu der ein Kind davor nicht in der Lage ist. Durch die emotionale Verbindung ist es dann auch in der Lage, auch längere Trennungen an dir oder an der Mutter festzuhalten. Es bedeutet nicht, dass das Kind automatisch eine bessere Bindung zu dem Elternteil aufrecht erhält, bei dem es lebt. Sehr tragisch ist sogar, dass das Kind sehr oft „Partei“ für das andere Elternteil ergreift. Kleine Kinder brauchen vor allem eine konstante erwachsene Bezugsperson, ihren sicheren Hafen. Den können sie nicht haben, wenn sie ständig mit Trennung konfrontiert sind. Der Vater meiner Tochter sieht auf eigenen Wunsch seine Tochter 2 Mal in der Woche und ich würde nicht sagen, dass die Bindung weniger Qualität hätte wie die an mich. Er ist und bleibt eine genauso wichtige Bezugsperson. Der immer anwesende Elternteil kann für die Beziehung zum abwesenden Elternteil auch einen großen Teil beitragen.

    • Hallo Ben,
      Danke für den Kommentar. Die schwedische Studie würde mich tatsächlichn mal interessieren. Hast du dazu einen Link? Denn an was sie die Kriterien ausmachen, wie es 3-5 jährigen Kindern geht, würde mich sehr interessieren. Wenn dies wie meistens auf verhaltenspsychologischen Grundlagen geschieht und die menschliche Potentialentwicklung außen vorgelassen wird, dann wundert mich das Ergebnis nicht. Man sieht, was da ist und nicht das, was fehlt…auch weil es leider sehr, sehr oft fehlt. Auch bei vielen Erwachsenen, die nie im Wechselmodell aufgewachsen sind. Der Artikel sollte keine fundierte Studienarbeit werden, sondern an zwei einfach verständlichen Faktoren, nämlich der Bindungstiefe und der Problematik von Trennungen und die dadurch stockende Reifung, aufzeigen, wieso ich das Wechselmodell für kleine Kinder nicht als geeignet ansehe.

  2. Willenberg sagt

    Wechselmodelle sind für mich und bleiben für mich das beste. Dazu zahle ich nicht das Schema F. Alle 14Tage wechseln. Ich meine da schon so gut 50/50.

    Eine Bindung zu nur einer Person zu entwickeln und das als vorteil zu definieren sehe ich als komplett falsch an. Wir haben es selbst erlebt.

    Ca. 2jahre lang das Schema F, 14 tätig plus 1 mal in der woche. Das begann als mein Sohn 2 jahre jung war.

    Man hat ihm.das wachsende leiden angesehen wenn er wieder weg musste oder er wollte zu papa und durfte nicht. In den 2 jahren bis jetzt hat sich die Situation zwischen den Eltern sehr gebessert und es wurden erstmalig vor einem jahr andere und längere zeiten ausgemacht. Wodurch schon eine besserung des wohlbedinden des kindes festzustellen war. Die zeiten wurden bis zuletzt (ende2017) so weit ausgeweitet das (unser) kind sivh in sehr vielen Bereichen sichtlich gebesseet hat. Mehr Aktivitäten mehr offenheit zu anderen menschen . Weniger verschlossen uvm.

    Mit und während dieser zeit hat auch die mutter eingesehen das es für das gemwinsame kind nur gut sein kann wenn es beide eltern hat. Somit hatte man nun zum jahreswechsel 2017/18 gemeinsam beschlossen eine erneute Änderung vorzunehmen. Nämlich einen wechsel von woche zu woche. Und jeder der das hier ließt sollte dieses erlebniss teilen bzw miterleben dürfen. Sie glauben nicht wieviel nochmals besser es unserem sohn jetzt geht. Keine Tränen mehr. Freude in den augen wenn er mama wiedersieht oder die andere woche papa wiedersieht.

    Er spricht uber seine Erlebnisse wie nie zuvor ist im kiga aktiv und hat jetzt frwundachaften an der zahl wie nie zuvor.

    Mit Tränen vor Glück in den Augen möchte ich hier sagen das ich und die mutter uns jetzt anlächeln können wenn wir sehen wie gut es unserem sohn jetzt geht.

    Wenn es irgemdwie möglich ist dann ist ein ordentliches wechselmodell das beste . Das wusste ich immer und bin heute bestärkt in meiner Ahnung.

    Alles andere ist nicht dem.kindeswohl entsprechend.

    • Klar, mit zunehmender Reife kann das Wechselmodell klappen. Das kommt aber eben mit zunehmender Reife. Bei ganz kleinen Kindern ist meist ein sehr häufiger Kontakt mit kurzen Abständen gut. Keine Frage, für die Eltern ist das Wechselmodell am bequemsten. Hab aber noch kein Kind unter 5 gesehen, das dort entwicklungsfördernd begleitet wurde. Jede Familie muss ihren Weg finden- aber nur weil das Wechselmldell nun bei Ihnen funktioniert heißt nicht, dass es vor 2 Jahren funktioniert hätte. Das Kind konnte so eine tiefere Bindung aufbauen und sieht sich nicht unbedingt ständig mit Trennung konfrontiert.

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