Beziehung und Bindung
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Kind- Eltern-Bindung – wie ein elastisches Band

Theoretisch weiß ich vieles über das Thema Bindungen. Wie sie funktionieren, was die Merkmale sind. Dass Bindungen polarisierend sind und sich bei Kleinkindern über viele Jahre erst vertiefen. Ich weiß, was defensive Bindungsabwehr ist, woher sie kommt und wie sie sich äußert.

Dennoch stehe ich im Alltag immer wieder hilflos da, wenn ich merke, dass das elastische Band zwischen meiner Tochter und mir überdehnt wurde und die Bindung gerade nicht aktiviert ist. Das ist oft der Fall, wenn sie den ganzen Vormittag mit ihren Großeltern unterwegs war und die Trennung von mir sehr lang war.

Vor einem Jahr hatte ich dieses Erlebnis jeden Tag, wenn ich meine Kleine vom Kindergarten abholte. Zum Glück schafft sie es mittlerweile für die Dauer des KiGa an mir festzuhalten, so dass sie mir jetzt freudestrahlend entgegenrennt, anstatt sich vor mir zu verstecken und den Kopf wegzudrehen.

Bevor ich von defensiver Bindungsabwehr wusste, bereitete mir diese Ablehnung großen Kummer und ich hätte fast beleidigt reagiert.

Für mich hörte sich das anfangs immer alles sehr theoretisch an, sollten wir doch ein Gespür dafür haben, wie Bindungen funktionieren.

Letztendendes ist es ja die Bindung, die es uns überhaupt erst erlaubt, Kinder großzuziehen und ins Leben zu begleiten.

Nun sind wir seit ein paar Tagen bei meinen Eltern und ich musste schon des Öfteren zusehen, wie die Bindung meiner Tochter an mich in den Hintergrund rückte. Diese Momente sind so anstrengend. Es sind die Momente, in denen es ihr völlig egal ist, was ich sage. Sie macht dann unglaublich viel Blödsinn und all die Dinge, von denen sie weiß, dass sie sie nicht tun soll. Es ist wie eine große Rebellion, gegen alles, was von außen kommt. Sie ist total unruhig und scheint keinen Ausgang für ihren alarmierten Zustand zu finden.

In den Momenten ist es sehr schwierig für mich, sie einzusammeln. Sie „verweigert“ jeden Blickkontakt und überhört jede Annäherung meinerseits. Sie lässt sich nicht anfassen und lehnt mich mit allem ab, was sie hat.

So ganz verstanden, wie sich das entwickelt, habe ich noch nicht. Zumindest in diesem konkreten Rahmen. Denn sie verbringt sehr gerne Zeit mit ihren Großeltern und eigentlich ist die Trennung von mir auch nicht länger als ein Kindergartentag.

Diese Ablehnung kann sehr verletzen und raubt sehr viel Kraft. Je mehr ich dann verbiete und sage desto schlimmer wird die Situation. Also tue ich alles, um sie wieder an mich zu binden, um sie einzusammeln. Ihre Augen zu bekommen, ein kleines Lächeln vielleicht, und ein Nicken.

Nach solchen Situationen brauche ich oft mehrere Stunden, sie wieder für mich zu gewinnen und etwas Kooperation zu erlangen.

Ich stelle mir die Bindung zu ihr dann wie ein elastisches Band vor, das gerade angerissen ist und unbedingt Nähe und Geborgenheit braucht, um wieder elastischer zu werden. Denn es ist ja so, je oberflächlicher ein Kind gebunden ist, desto weniger Trennung kann die Bindung aushalten. Für kleinere Kinder ist es dann so, als wäre die Mama gar nicht da, sie können an ihr emotional nicht festhalten. Das können Kinder erst mit 5 oder 6. Davor gibt es auf jeder Bindungsstufe immer mehr Wege, um an Mama oder Papa festzuhalten. Trennungen werden also einfacher, desto tiefer Kinder gebunden sind.

Seitdem ich das weiß, kann ich mit der Situation gut umgehen. Es ist zwar wirklich anstrengend, wenn ein Kind mit der Trennung nicht umgehen kann. Es hilft mir aber, ruhig zu bleiben, auf die Beziehung zu fokussieren und mich darauf zu freuen, wenn die nächste Bindungsstufe erreicht ist.

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