Beziehung und Bindung
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High Need Baby oder was?

Immer wieder stolpere ich über Artikel zu dem Thema „High Need Baby“ und Diskussionen darüber, ob es überhaupt High-Need Babies gibt. Ich mag schonmal den Begriff überhaupt nicht. Ein Baby also mit überdurchschnittlichen Bedürfnissen.

Jeder will immer das anstrengendste Kind haben und viele jammern und beklagen sich. Mir haben sich die Haare zu Berge gestellt, wenn Mütter sich über ihre kurzen Nächte beschwerten. Denn meine Nächte waren eigentlich immer wesentlich kürzer. 4 Stunden Schlaf am Stück? Ein absoluter Luxus in den ersten 2 Jahren. Das erste Jahr über lebte meine Tochter quasi auf meinem Bauch oder später dann auf meinem Rücken in der Trage. Es ist anstrengend mit einem Neugeborenen und manche Babies sind sicher herausfordernder als andere. Ich zähle mich zu der Gruppe mit einem sehr anspruchsvollen Baby.

Die Abende waren gefüllt von Weinen, Trösten und Herumtragen. Verzweiflung, Übermüdung, Fix-und Fertigsein.

Aufgrund dieser Momente kann ich jede Mutter verstehen, die sich überfordert fühlt und nicht weiß, wie es weitergehen soll. Die Verzweiflung kann in diesen Situationen wirklich groß sein.

Oft kam ich in den ersten 2 Jahren an meine Grenzen. Das war ein ganz blöder Teufelskreis. Je mehr ich an meine Grenzen stieß, desto unruhiger und schwieriger wurde mein Kind. Sie reagierte auf jede Gefühlsregung meinerseits und spürte immer noch vor mir, wenn etwas nicht in Ordnung war. Wie sollte sie da zur Ruhe kommen? Es reichte, dass ich Kopfschmerzen hatte und schon wurde der Alltag noch anstrengender. Sie spürte, dass ich nicht ihr sicherer Hafen sein konnte und „reagierte“ mit noch herausforderndem Verhalten. Ich lief nur noch auf Sparflamme.

Und auch heute komme ich noch oft an meine Grenzen. Wenn ich tagelang ohne Auszeit von Job zu Kind und wieder zu Job hetze. Keine Minute für mich habe und sich zu Hause die Unordnung stapelt. Wenn ich mir einfach mal eine Stunde für mich wünsche, dies aber nicht drin ist. Wenn selbst ein Einkauf im Supermarkt zur Anstrengung wird und ich einfach mal 20 Minuten ohne Reden und Zuhören dringend benötige.

Meine Kleine ist nun 4 und schläft nach wie vor nicht oft durch. Häufig schläft sie unruhig und hält damit uns beide wach. Diese Unruhe kann ich mittlerweile an Ereignisse knüpfen, die zuvor unseren Alltag ein wenig durcheinander gebracht haben.

Je älter sie wird, desto mehr Zusammenhang sehe ich zwischen ihrer Unruhe und meinem Wohlergehen. Auch zwischen der Anzahl der Trennungssituationen und ihrer Unruhe. Im Urlaub zum Beispiel, in dem wir die ganze Woche zusammen verbracht haben und alles sehr harmonisch ablief, schlief sie wie ein Stein.

Geht es mir schlecht, ist mein Kind unruhig. Dann fällt sie wieder in alte Verhaltensmuster, schläft schlecht, ist seeeeehr anhänglich und weint viel mehr.

Ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass es keine „High Need Babies“ gibt, das weiß ich nicht. Ich war zwei Jahre lang überzeugt, eins davon zu haben. Und hätte mir jemand vor 4 Jahren diesen Artikel zu lesen gegeben, wäre meine Reaktion gewesen: „ja, ja du weißt einfach nicht, wovon du sprichst! Dann hast du eben kein High Need Baby!“

Mittlerweile frage ich mich, was ich oder die Umstände dazu „beigetragen“ haben, dass die ersten Jahre so schwierig verliefen? Wäre es vielleicht ganz anders gelaufen, wenn ich entspannter gewesen wäre? Das erzählen mir jedenfalls oft Mütter, die dann noch ein zweites Kind bekamen.

Schon in der Schwangerschaft hat meine Tochter viel Stresshormone abbekommen. Die Geburt lief leider auch ziemlich blöd. Der Start war einfach richtig doof. Und dazu meine ständige Übermüdung, der hohe Anspruch an mich selbst und an mein Mutterdasein. Zu wenig Zeit für mich, für dringend benötigte Erholung und zu viel Zeit für Sorgen, Stress und Überlastung.

Seitdem etwas Ruhe in unseren Alltag eingekehrt ist, ich die Tage so reizarm wie möglich gestalte, Stress und Streit von meiner Kleinen weghalte und Situationen meide, von denen ich weiß, dass sie für uns alle zu viel sind, läuft es viel besser.

Trotzdem wünsche ich mir manchmal, dass es einfacher ist. Besuche bei Verwandten, Treffen mit Freunden, nach wie vor eine Herausforderung. Heute sehe ich darin eher Bindungsthematiken, und Konfrontationen mit Trennungen als ein besonders herausforderndes Kind. Mein Kind kam unter nicht optimalen Bedingungen zur Welt und zeigte sehr deutliche Signale, dass etwas für sie nicht in Ordnung war. Es hat lange gedauert, bis ich die Konditionen herstellen konnte, in denen sie zur Ruhe kommen und reifen konnte.

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