Beziehung und Bindung
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Die zwei Instinke in jeder Beziehung – ist es deshalb manchmal so anstrengend mit den lieben Kleinen?

Hier war einige Zeit lang Sendepause und ich habe mir viele Gedanken darübergemacht, wieso die Zeit mit Kind oft so anstrengend ist. Ich höre das nicht nur von Alleinerziehenden, sondern auch immer wieder von Eltern in intakten Beziehungen.

Meine Kleine und ich waren nun über zwei Wochen lang zusammen, Tag und Nacht. Einige schlechte Nächte inbegriffen- was auch sonst.

Eigentlich hat alles sehr gut geklappt und es gab wenig unerfreuliche Zwischenfälle. Unser Band ist mittlerweile sehr stark, so dass meine Tochter schon ziemlich selbstständig geworden ist. Die Kooperation klappt auch oft, also so oft, wie man sich das in dem Alter von 4,5 Jahren wünscht.

Trotzdem hing ich jeden Abend fertig auf dem Sofa, zu nichts mehr im Stande.

Ich hatte also viel Zeit, mir über Bindungen Gedanken zu machen und das ein oder andere aus meinem Kurs in Entwicklungspsychologie bei Gordon Neufeld zu reflektieren.

Dabei wurde mir mal wieder klar, wie Bindung eigentlich funktioniert. Wir haben in jeder Beziehung – das kann man auch bei Säugetieren beobachten – den Alpha-Instinkt und den Abhängigkeitsinstinkt.

Moment, bevor mir jemand für diese zwei Begriffe gleich an die Gurgel springt. Ich finde es auch noch gewöhnungsbedürftig, von Alpha und von Abhängigkeit zu sprechen. Denn Alpha ist doch eher negativ belastet.

Aber eigentlich dient dieser Instinkt dazu, dass wir fürsorglich sind und Verantwortung übernehmen.

Fürsorge kann man nämlich nicht erlernen. Man kann jemandem vormachen, wie man fürsorglich ist. Aber die Fähigkeit, fürsorglich zu sein, ist ein angeborener Instinkt. Nun haben alle Säugetiere beide Instinkte gleichstark in sich und in einer gesunden Beziehung zeigt sich mal der eine und mal der andere stärker.

Ihr dürft raten, welcher Instinkt sich im Umgang mit Kindern ganz klar bei den Eltern zeigt (zumindest sollte das so sein). Der fürsorgliche Instinkt. Wir wollen für unsere Kinder da sein. Sind sie krank, sitzen wir selbstverständlich nächtelang wach neben ihrem Bett. Wir kümmern uns um ihre Bedürfnisse, idealerweise, ohne dass die Kinder dies erst einfordern.

Das hat uns niemand beigebracht, das ist einfach so.

Wir kümmern uns um die Schwächeren und um die Unreifen. Das führt dann außerdem auch dazu, dass das Kind sich an uns anlehnt, sich in der Beziehung fallen lässt. Sein Gehirn kann sich dann mit der Reifung beschäftigen und muss sich nicht um die Aufgabenbereiche der Eltern kümmern.

Meine Tochter spürt jede noch so kleine „Lücke“ in meiner Fürsorglichkeit und springt sofort ein. In den ersten beiden Lebensjahren hat sie sehr häufig eine überforderte, schwache Mama vorgefunden. Da fing es schon an, dass sie immer sehr stark ins Alpha ging. Diese Fürsorge brachte auch mit sich, dass sie alles bestimmen wollte und gar nichts mehr von mir annahm. Ein Kind im Alphamodus kann sich auch nichts sagen lassen. Es ist sehr schwierig, ein Kind, das ständig die Führung übernimmt, zu lenken – ihm eine Orientierung zu sein.

Denn kleine Kinder brauchen, auch wenn das immer wieder angezweifelt wird, eine Führung. Nur so können sie sich entspannen, frei spielen und sich entwickeln.

In der Beziehung zur Ruhe kommen. Wissen, ich bin versorgt.

Sie wollen umsorgt werden, sie suchen ihre Antwort in uns.

Zwischen meiner Tochter und mir klappt diese Rollenverteilung sehr gut mittlerweile. Jedoch merke ich bei den kleinsten Veränderungen ein Wackeln unserer Basis. Ein Besuch bei meinen Eltern führt zum Beispiel dazu, dass meine Tochter total ins Alpha geht und überhaupt nicht mehr kooperativ ist. Was das für Auswirkungen hat, will ich hier nicht ausführen, das führt zu weit. Nur so viel: die letzten Besuche waren für niemanden schön und entspannend. Da kann mein Kind nichts dafür. Irgendetwas in dieser Situation hat den Alpha-Instinkt in ihr so stark aktiviert, dass sie nicht anders konnte.

Nun habe ich ja auch beide Instinkte in mir: Zu Versorgen und versorgt zu werden.

Leider bringt der Status der Alleinerziehenden eben häufig mit sich, dass niemand da ist, an den ich mich anlehnen kann. Niemand, dem ich mal die Verantwortung für mich übergeben kann.

Und genau da sehe ich aktuell den Knackpunkt für mein Ausgelaugt sein.

Heute ist meine Tochter mal wieder ein paar Stunden bei ihrem Papa. Das ist schon mal schön, ich kann mein Alpha etwas ruhen lassen. Aber trotzdem ist niemand da, der sich um mich kümmert. Ich denke, das trifft es genau auf den Punkt. Man braucht beides, um langfristig gesund und entspannt zu bleiben.

Auch in vielen Beziehungen hat immer ein Partner diesen Kümmerer-Part. Es ist doch sehr oft so, dass sich einer der Partner um sehr vieles kümmert und für alle da ist. Wenn man das mal eine Weile so gemacht hat und das so in sich stecken hat (viele sagen dann, sie hätten das Helfersyndrom) fällt es sehr schwer, sich mal fallen zu lassen und die Verantwortung jemand anderem anzuvertrauen.

Schaue ich mir meine Freundschaften an, dann bin doch meist ich der Kummerkasten. Ich fange auf, kümmere mich, übernehme Verantwortung, unterstütze.

Ich habe genau zwei Freundinnen, bei denen es ausgeglichen ist. Wo der Alpha-Abhängigkeitstanz gut funktioniert. Leider wohnen sie weit weg und können mir in meinem Alltag das nötige Auffangnetz nicht bieten.

Allein mir diesen Punkt bewusst zu machen, hilft mir enorm, ab und zu mal loszulassen und mich umsorgen zu lassen. Nicht bei jeder Aufgabenverteilung gleich „hier“ zu schreien, sondern einfach mal die anderen machen zu lassen. Mich auch ein wenig mehr um mich zu kümmern – mir etwas Gutes tun. Denn wenn sich schon niemand im Alltag um mich kümmert, dann muss ich das für die Zwischenzeit selbst übernehmen.

 

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