Beziehung und Bindung
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Das hat mir auch nicht geschadet – immer wieder eine Verharmlosung von Gewalt gegen Kindern

„Das hat mir ja auch nicht geschadet!“ Ein Satz, mit dem in letzter Zeit immer mal wieder Gewalt gegen Kinder verharmlost wird.

Wenn ich Menschen diesen Satz sagen höre, denke ich mir woher will dieser Mensch das wissen?

Denn das, was wir als Kinder erleben ist für uns normal. Wie unsere Eltern uns behandeln ist für uns der Maßstab. Wir kennen es nicht anders.

Woher sollen sie also wissen, ob es ihnen geschadet hat?

Wenn sie nicht wissen welcher Mensch sie heute wären, ohne diese Gewalterfahrungen in der Kindheit?

Heute wissen die wenigsten, wie Reifung eigentlich geschieht und wie das volle Potential eines Menschen zur Entfaltung kommt.

Welche Eigenschaften sind denn bei einem reifen Menschen wünschenswert?

Es geht dabei nicht um gute Noten, eine steile Karriere oder gutes Auftreten.

Klar, kann man trotz Gewalt erfolgreich im Leben sein. Keine Frage. Aber kann man ein gelungenes Leben haben? Und kann man es überhaupt beurteilen, ob man ein gelungenes Leben hat, wenn man nicht weiß, wie das Leben ohne den ein oder anderen Klaps ausgesehen hätte?

Dieser Mensch, der behauptet es hätte ihm nichts geschadet, ist sich vielleicht über den Schaden überhaupt nicht bewusst.

Unser Gehirn verfügt über geniale Mechanismen, die uns vor zu viel Verletzlichkeit schützen. Viele Menschen laufen mit diesen Panzerungen durch das Leben, ohne sich deren bewusst zu sein.

Ein Gehirn, das mit Panzerung beschäftigt ist, kann die Reifung nicht vorantreiben. Deswegen glaube ich diesen Menschen direkt, dass sie davon überzeugt sind, dass es ihnen nicht geschadet hat.

Woher sollen sie es wissen?

Sie kennen nur den Weg der Entwicklung, den sie gegangen sind. Sie können gar nicht wissen, was möglich gewesen wäre, wenn ihr Gehirn sich der Reifung hätte widmen können, anstatt mit Schutzmechanismen ausgelastet zu sein.

Deswegen ist diese Diskussion für mich sinnlos, solange wir uns nicht damit beschäftigen unter welchen Bedingungen ein Mensch eigentlich reift.

Denn wenn wir das verstanden haben, wird die Frage ob einem Kind Gewalt schadet, völlig überflüssig.

Ein Gehirn, das das Kind vor zu viel Verletzungen schützen muss kann die Reifung nicht gewährleisten. Reifen ist in diesem Fall Luxus. „Reifung geschieht spontan, ist aber nicht unausweichlich.“ (Gordon Neufeld) Und wenn ein Kind zu sehr verletzt wird, dann ist die höchste Priorität, es vor diesen seelischen Verletzungen zu schützen.

Panzerung und Reifung geschehen nicht parallel.

Es ist ein Entweder Oder. Deshalb ist es wichtig das Herz, des Kindes weich zu halten. Es sicher zu halten und ihm Schutz zu gewähren, so dass es zur Ruhe kommt, ins Spiel findet und sich entwickelt.

Die beste Reifeprüfung für uns Erwachsene ist es, ein Kind zu bekommen. Das bringt all unsere Defizite ganz schnell ans Tageslicht. Wie wir dann damit umgehen, zeigt uns ganz deutlich, wo unsere eigene Reife noch Entwicklungsspielraum hat.

Menschen, die in diesem Fall mit Gewalt gegenüber Kindern reagieren, können in ihrem eigenen Reifeprozess nicht sehr weit vorangeschritten sein. Sonst hätten sie andere Lösungen.

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