Beziehung und Bindung
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Warum und wie lange Eltern beim Kinderturnen, Tanzen und Co dabeibleiben sollten

Jeden Montag erlebe ich es aufs Neue. Herzzerreißend weinende 3 bis 5-jährige Kinder, die an ihrer Mama hängen und sie anflehen, zu bleiben. Doch die meisten Mamas bleiben konsequent – denn heutzutage müssen Eltern ja konsequent sein und das Kind zur Selbstständigkeit drängen, nicht dass sie mit 30 noch am Rockzipfel hängen (Ironie off). Das mit der frühen Selbstständigkeit der Kinder wurde uns nun viele Jahre eingeredet.

Die Eltern gehen und lassen kleine Kinder zurück, die im bindungsfreien Raum komplett verloren sind. Einige machen nicht mit, andere weinen ständig, rennen aufgeregt hin und her und andere schubsen völlig aus dem Nichts Kinder herum.

Was wird gesehen? Die unmöglichen Kinder, die sich nicht zu benehmen wissen.

Um was handelt es sich tatsächlich? Um Kinder, die nach Bindung schreien und gezwungen werden, ohne die notwendige Bindung klarzukommen. Keine Turnlehrerin kann auf die Bindungsbedürfnisse von 20 kleinen Kindern gleichzeitig eingehen, das geht nicht. Deswegen ist auch schön zu beobachten, wie einige Kinder sich aneinander binden und dann auch aneinander orientieren. Das Chaos ist perfekt.

Ich bleibe dabei, so lange meine Tochter das braucht. Und dabeibleiben heißt nicht, anteilslos mit dem Handy in der Hand auf dem Hallenboden zu sitzen. Nein, ich sehe sie und sehe ihren Spaß am Turnen, das ist alles. Sehr oft helfe ich auch anderen Kindern beim Überqueren des Schwebebalkens oder sogar, beim zur Toilette gehen. Wie können Eltern ihr Kind alleine in dieser riesigen Turnhalle lassen ohne dass dieses Kind fähig ist, alleine zur Toilette zu gehen? Ich verstehe es nicht.

So habe ich jede Woche entweder ein fremdes, weinendes Kind auf dem Arm und tröste es oder begleite wildfremde Kinder zur Toilette.

Oft genug suchen fremde Kinder meine Aufmerksamkeit in dem sie mir erzählen und zeigen, was sie alles können. Kinder suchen nun mal Bindung zu Erwachsenen. Da ich eine von wenigen Müttern bin, die bei der Sache sind, kommen sie ganz selbstverständlich zu mir.

Bei diesem Turnkurs handelt es sich um Kinderturnen, also nicht um Mutter-Kind Turnen. Eltern müssen also nicht dabeibleiben, aber es ist sehr gerne gesehen ist, wenn die Eltern dabeibleiben. Die Trainerin bittet sogar regelmäßig die Eltern darum, dabeizubleiben.

Ein Kind, dass den ganzen Tag im Kindergarten war hat mit großer Wahrscheinlichkeit am Nachmittag das große Bedürfnis, mit seiner Bezugsperson in Beziehung zu sein.

Wenn dein Kind nun jedes Mal klammert, wenn du es zur Sporthallentür hineinschiebst und dich verabschiedest, dann kannst du davon ausgehen, dass es dich eigentlich gerade brauchen würde. Es ist schlichtweg überfordert alleine in der Turnstunde. Es ist wahrscheinlich nicht sehr stark an den Trainer gebunden und versucht mit allen Mitteln, deine Anwesenheit zu erbitten.

Macht nun dein Kind nicht richtig mit, wenn du dabei bist, dann ist es vielleicht einfach zu früh für diese Art von Aktivitäten. Bei uns war das jedenfalls so. Also sind wir ein halbes Jahr dem Turnen ferngeblieben, haben viel Zeit zusammen verbracht, bis meine Kleine selbst den Wunsch geäußert hat mal wieder zum Turnen zu gehen. Und mir würde es im Traum nicht einfallen, sie dort einfach, gegen ihren Willen abzuliefern.

Ja auch ich habe Dinge zu erledigen. Aber so ist das nun mal wenn man sich für Kinder entscheidet. Man kann nicht mehr alles erledigen und muss in einigen Dingen zurückstecken.

Wie mein Herz blutet, wenn ich Mütter zu ihren Kindern sagen höre: “Bist du ein Baby? Nur Babies verhalten sich so und brauchen ihre Mama!” Wie es dem Kind dabei wohl geht und was langfristig die Folge sein wird, kann man erahnen, wenn man über ein wenig Empathie verfügt.

Dinge, wie Turn- oder Tanzkurse müssen nicht erzwungen werden. Es gibt so viele Alternativen, die ihr zusammen unternehmen könnt.

Aber wie lange soll denn nun die Mama mit dem Kind in den Turnunterricht gehen?

Da gibt es sicher keine pauschale Antwort. Es hängt natürlich auch von der Bindung ab, die das Kind an die Turnlehrerin hat und davon, wieviel Konfrontation mit Trennung das Kind bereits tagtäglich erlebt. Die Antwort auf die Frage sollte heißen: So lange wie das Kind dies einfordert. Besser noch, wenn die Eltern spüren, was das Kind braucht, so dass das Kind nicht mehr die Verantwortung für die Bindungsarbeit übernimmt. Du kannst dir sicher sein, dass wenn du konsequent die Verantwortung für das Nähebedürfnis deines Kindes übernimmst, es irgendwann von ganz alleine den Wunsch äußern wird, alleine da zu bleiben.

Selbstständigkeit ist nichts, was erlernt wird.

Sind die Bindungsbedürfnisse eines Kindes gesättigt, zieht das Kind von ganz alleine in die Welt hinaus. Es muss weder motiviert und schon gar nicht gedrängt werden.

Es ist einfach nur herzzerreißend, die unruhig, orientierungslos umherirrenden kleinen Kinder zu sehen, die nur darauf warten, dass der Zeiger der Uhr endlich Viertel nach 17 Uhr zeigt, die Tür aufgeht und sie abgeholt werden. Traurig und so unnötig.

Wenn ein Kind Hunger hat bekommt es Nahrung. Wenn der Bindungshunger offensichtlich ist, drängen wir zur Selbstständigkeit. Dabei ist das Nähebedürfnis das wichtigste Bedürfnis von uns Menschen. Wieso geben wir ihnen nicht einfach, wonach sie hungern?

 

7 Kommentare

  1. Sehr schön hast du das geschrieben! Das Dilemma sehe ich vor allem in den Verantwortlichkeiten und dem Stress, der Müttern heute von außen entgegengetragen wird (neben einem generellen Unverständnis für die kindlichen Bedürfnisse). Frauen haben sich das Privileg erkämpft, arbeiten zu DÜRFEN. Bekommen haben sie aber eigentlich die Pflicht, arbeiten zu MÜSSEN. Entweder aus finanzieller Sicht oder weil einer ganz oder hauptsächlich mit Haushalt und Kindern beschäftigte Frau schnell das Attribut der Übermutter und lebensmüden Karriereverweigerin hinterher geworfen wird. Dauerstress, der Frau bewegt = Dauerstress, den das Kind ausbaden muss. Wir müssen uns fragen, wie können wir uns frei machen, von diesen äußeren Zwängen, die uns zu Ungeduld drängen und uns dazu treiben, unser Kind mit seinen Bedürfnissen dermaßen im Regen stehen zu lassen. Ich möchte mich dem Thema in einem meiner nächsten Beiträge widmen und freue mich daher sehr über deinen Beitrag, der uns schön vor Augen führt, wo wir im Alltag blind geworden sind! Es gibt politische und persönliche Lösungen für diese Dilemmata. Hierzu müssen wir aber vor allem eines – kurz innehalten und erstmal wieder verspüren, was uns unsere Mutterrolle, unsere tiefsten Gefühle eigentlich darüber verraten, wie wir gegenüber unseren Kindern agieren sollten. Liebste Grüße!

    • Hallo Janina,

      Danke für dein Feedback. Ich freue mich auf deinen Artikel. Den kannst du dann gerne hier verlinken.-)

      Ja der Dauerstress, den Frau sich heute macht ist sicher ein wichtiger Faktor. Wir haben den Kontakt zu uns, zu unseren Gefühlen größtenteils verloren. Wenn wir dann doch mal etwas spüren, verlassen wir uns nicht auf das Gefühl und die Kinder müssen funktionieren und mithalten.
      Viele sind sich eben auch nicht bewusst, dass sie für die Familie auf Dinge verzichten müssen. Es geht nicht mehr alles so wie vorher.
      Viel Stress ist selbstgemacht (tolle Unternehmungen, stundenlange Autofahrten, hier ein Kurs, da ein Kurs, etc.) Oft auch eine Frage der Prioritäten. Und wenn ich mich entscheiden muss, mit dem Handy auf dem Turnhallenboden zu sitzen oder meiner Tochter bei ihrer Freude zuzusehen, dann entscheide ich mich bewusst für letzteres.

      Den Umgang mit den digitalen Endgeräten sehe ich auch als große Konkurrenz zum Familienleben. Das kann man an jeder Ecke beobachten. Oft versteckt sich Frau auch hinter dem Stress. Mir ist es möglich, auch als Alleierziehnde, ohne Unterstützung der Familie viel, entspannte Zeit mit meiner Kleinen zu haben. Es geht also…und ich arbeite auch. Dafür verzichte ich auf einiges und tue das gern.

      Liebe Grüße,
      Andrea

  2. Du hast mir mit deinem Artikel aus der Seele gesprochen! Ich habe drei Kinder, mein ältester Sohn ist 6 Jahre alt und seine Schwester und sein Bruder (Zwillinge) sind 4 Jahre alt. Was ich an allen dreien, speziell an meinen Jungs gelernt habe ist die Tatsache, dass Kinder einem zeigen, wenn sie zu etwas bereit sind. Vorher ist es für beide Seiten Stress – zumindest bei uns. Das war mit dem Turnen so, mit dem Schwimmkurs, mit dem Sprechen lernen – wie oft habe ich zu hören bekommen “er muss aber langsam schwimmen lernen, er spricht mit drei Jahren noch nicht altersangemessen, er muss auch mal Sachen ohne dich machen…” etc. Der Höhepunkt war für mich im Sommer letzten Jahres: Ich habe mit aller Macht versucht ihn zum Sport zu animieren – keine Chance. Er wollte partout nicht alleine da bleiben. Ich bekam dann u.a. zu hören: Wie soll das denn nächstes Jahr in der Schule werden? Langsam muss er aber mal was ohne dich machen. XY bleibt schon alleine beim Sport seit er 4 Jahre alt ist… etc. Ich bin froh, dass ich es nach drei erfolglosen Versuchen gelassen habe und fühle mich durch deinen Artikel darin bestärkt.
    Einerseits heißt es immer, dass jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo hat, dann wiederum sollen sie spät. im Kindergarten in eine Norm passen. Wer das (noch) nicht kann muss gefördert werden. In meinen Augen fehlt heute das Zutrauen in die Kinder, dass sie von ganz alleine selbstständig werden – so wie du es ja auch schon geschrieben hast. Das würde den Druck und den Stress für Kinder und Eltern erheblich minimieren.
    Edit: Mein großer Sohn geht seit diesem Sommer in die 1. Klasse. Er spricht altersangemessen (wir haben mit etwas Logopädie nachgeholfen), er hat im Sommer aus eigenem Antrieb sein Seepferdchen gemacht und geht seit kurzem zum Turnen für Jungs im Grundschulalter. Er hat sich in seiner Klasse gut eingelebt und geht (noch) gerne zur Schule und das Lernen macht ihm Spaß. Also alles ganz normal. Mir hat das gezeigt, dass Kinder ihren Weg gehen, auch wenn das nicht immer der (vermeintlichen) Norm und den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen mag.

    • Danke für dein Feedback Lena! Freut mich sehr, dass du dich mit dem Artikel bestätigt fühlst. Wirklich toll, dass du auf dein Bauchgefühl gehört und danach gehandelt hast. Das trauen sich viele nicht mehr. Das ist unter anderem auch mein Anliegen mit diesem Blog, den Eltern wieder mehr Vertrauen in ihre Intuition zu geben. Denn ja, die Natur hat einen ganz eigenen Plan. Und alles Ziehen und Drücken ändert meist nichts in die positive Richtung.
      Und dein Sohn ist doch der beste Beweis dafür, dass jedes Kind seinen Weg findet, so lange es von liebevollen und fürsorglichen Erwachsenen begleitet wird.
      Ach ja, das Thema Schwimmen wurde mir auch vor kurzem nahegelegt….noch ist meine Tochter das einzige Kind in unserem Bekanntenkreis, das nicht zu einem Schwimmkurs angemeldet ist…dafür geht sie jedes Wochenende mit ihrem Papa und mit viel Spaß und Freude ins Schwimmbad…und mit dem Vertrauen meinerseits, dass sie es lernen wird, wenn sie so weit ist.

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