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Selbstbestimmtes Anziehen – ja oder nein?

In letzter Zeit vermehren sich die Fragen in Eltern-Gruppen zu dem Thema Anziehen. Die einen berichten, wie wunderbar ihr 2-jähriges Kind selbst bestimmen kann, was es anzieht und was nicht. Andere wiederum berichten, dass ihr 4-Jähriger wohl barfuß und mit T-Shirt im Schnee herumlaufen würde, wenn man ihn ließe.
So unterschiedlich sind unsere Kinder. Und so unterschiedlich ist die Antwort auf die Frage: „Soll sich mein Kind selbstbestimmt anziehen dürfen?“

Es gibt nämlich keine allgemein gültige Antwort auf solche Fragen. Wenn das für euch passt, auf keiner Seite Stress verursacht und alles wunderbar und harmonisch abläuft- toll!
In der Realität sieht die Sache aber oft ganz anders aus.

Klein- und Vorschulkinder sind nun mal nicht in der Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.

Sie verfügen nicht über die Fähigkeit in die Zukunft zu denken.

Ihnen ist JETZT warm in kurzen Hosen und T-Shirt. Dass sie jetzt neben einer warmen Heizung stehen, die eben draußen im Schnee nicht mehr wärmt, können sie in diesem Moment nicht in Betracht ziehen.
Klar, kann ich warme Sachen mitnehmen. Aber wenn ich keine Lust habe, alles mitzuschleppen, dann muss ich das nicht tun. Wenn ich das gerne tue, wieso nicht?

Wenn du doch merkst, dass die Anziehfrage immer wieder zu Stress und Streit führt, dann ändere sie doch einfach. Übernimm die Verantwortung für das Wohlbefinden deines Kindes und treffe Entscheidungen für es, die es offensichtlich noch überfordern. Wenn es merkt, dass sein Wohl dabei höchste Priorität hat, kann es sich vielleicht sogar fallen lassen und es genießen, umsorgt zu werden.
Wie schön ist es, wenn ein Mensch dich so gut kennt, dass er weiß, was du brauchst und auch noch dafür sorgt, dass es dir an nichts fehlt. Also an nichts, das du wirklich brauchst? Also Nahrung, Nähe, Wärme, und so.

Ist es nicht wunderschön, wenn sich jemand um dich sorgt und deine wichtigsten Bedürfnisse erfüllt bevor du danach fragst?

Dieses Gefühl der Geborgenheit stellt sich doch nur dann ein. Nur, wenn ich mich zurücklehnen kann und mir sicher sein kann, dass sich jemand darum kümmert, dass ich habe was ich brauche. Bis ich in der Lage dazu bin, es selbst zu tun.
Klein- und Vorschulkinder können das noch nicht. Klar, sie können Verhalten imitieren. Sie ziehen sich warm an, weil das große Geschwisterkind sich warm anzieht oder weil Mama und Papa sich warm anziehen. Wunderbar. Wenn das mit dem Nachahmen klappt. Wenn nicht, dann braucht es vielleicht doch noch etwas mehr Unterstützung bei der Entscheidung.
Lass dein Kind doch auswählen zwischen der blauen und der gelben Jacke oder der Mütze mit oder ohne Bommel. Diese kleinen Entscheidungen reichen meist schon und überfordern das Kind nicht.

Ja ABER…Wird mein Kind denn dann überhaupt nie selbstständig?

Und was ist mit dem Körpergefühl? Sollte es nicht spüren, wenn ihm kalt ist? Und sollte es dann nicht beim nächsten Mal wissen, dass es sich wärmer anziehen sollte?
Na ja, ab einem bestimmten Reifegrad sicher. Aber so lange die Kinder noch so klein sind, keine gemischten Gefühle haben und somit auch nicht mehr als eine Perspektive einnehmen können- NEIN!
Wenn dein Kind reif genug ist, wird es selbst darüber entscheiden können. Nur Kinder, die einmal abhängig sein durften, werden wirklich selbstständig. Alles andere ist oft einfach erlernte Selbstständigkeit, also keine echte.

Du merkst schon, bei uns hat Selbstbestimmung ihre Grenzen.

Das heißt nicht, dass ich alles über den Kopf meiner Kleinen hinweg bestimme. Ihre Wünsche sind mir sehr wichtig. Ich höre sie an und wäge ab. Aber dank meiner Erfahrung kann ich die spontanen Wünsche (die in einer halben Minute wieder hinfällig sind) von den echten Wünschen ganz gut unterscheiden.
Ich merke zum Beispiel, dass ihre Abneigung gegen Mützen keine Laune ist. Sie mag sie nicht, mochte sie noch nie und ihr ist eh ständig warm. Also wegen mir braucht sie keine Mütze anzuziehen. Denn ich sehe weder eine Notwendigkeit dafür noch gefährdet es das Leben meiner Tochter, wenn sie ohne Mütze herumläuft.

Sie möchte ihre Hose unbedingt fasch herum anziehen? Ok- alles klar. Mach doch.

Sie zieht auf dem Spielplatz bei 0 Grad ihre Schuhe aus? Ja, das mag Spaß machen und ja, vielen Kindern scheint das nicht zu schaden. Ich weiß aber, dass sie öfters Probleme mit der Blase hatte nachdem sie zu lange kalte Füße hatte, insofern sind nackte Füße bei einer Eiseskälte für mich ein no-go und sie wird ihre Schuhe ganz schnell wieder anziehen müssen.

Denn nein, eine 5-Jähjrige kann meist noch nicht die Folgen ihres Tuns absehen. Da ich sie vor Schmerzen, und mich vor schlaflosen Nächten bewahren möchte, greife ich ein. Ob ich ihr damit den Spaß am Barfußlaufen nun verwehre oder nicht. Es bleiben noch ungefähr 7 Monate, in denen sie ohne Schuhe laufen kann.

Das heißt nicht, dass sie die Folgen niemals abschätzen können wird. Sie muss es aber nicht bitter erlernen, sondern kann ganz entspannt auf ihre Mama hören, bis sie reif genug ist, die Folgen ihres Tuns abzuschätzen.

Sie will an Fasching unbedingt als Drachen verkleidet sein. Nun weiß ich bereits, dass sie dieses Kostüm genau 2 Minuten anhaben wird. Sie hasst Plüsch am Körper und auch in etwas eingehüllt zu sein, das zu warm ist. Aber da mische ich mich nicht ein. Ich habe sie darauf hingewiesen, sie bleibt bei dem Wunsch. Ok, es wird ein Drachen werden. Wahrscheinlich wird sie die Einzige im Kindergarten sein, die dann ohne Kostüm herumläuft, das wird ihr aber nichts ausmachen.
Es ist ja noch etwas hin bis Fasching, vielleicht ändert sie ihre Meinung noch. Wenn nicht, dann lasse ich sie ihre Erfahrung machen. Auch wenn ich weiß, dass das nicht sein müsste. Aber so erfüllt sie sich immerhin den Wunsch, einmal als Drache verkleidet zu sein.

Was ist denn nun mit dem selbstbestimmten Anziehen?

Kinder brauchen das nicht. Wenn es klappt und alle froh dabei sind, wieso nicht. Wenn es ständig für Stress und Unzufriedenheit sorgt, wieso tust du dir und deinem Kind das an? Überlasse ihm kleine Entscheidungen- gerne viele davon. Hilf ihm bei zu schwierigen Entscheidungen und schaffe ihm somit den Raum, sich um die wichtigen Dinge im Leben eines Klein- und Vorschulkindes zu kümmern: Spielen, spielen und spielen.

Und ach so: Etwas, das alle stresst kann irgendwie nicht der richtige Weg sein. Und somit ist es wie so oft: wir müssen unseren eigenen Weg finden. Und zwar einen, der für alle passt.

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