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Hochsensibel, gefühlsstark, überreizt – Na was hatte sie denn?

Na was war denn los? Mein Kind ist hochsensibel! Wieso hat sie das denn gemacht? Sie war doch kurz vorher noch so gut gelaunt? Das geht so aber nicht. Sie tanzt einem ja auf der Nase herum. So ein Theater! Das sind Sätze, die ich nicht selten zu hören bekomme.

Dass Kinder einfach verschieden sind, wird oft nicht verstanden und gesehen. Dabei ist das Verhalten für mich so normal. Ich kenne es gar nicht anders und wahrscheinlich kommt diese Veranlagung von meiner Seite. Für mich sind alle anderen anders. Sowieso, wer hat denn festgelegt, was “normal” sensibel ist und was hochsensibel? Für mich sind alle anderen niedrigsensibel oder unsensibel. Ist doch blöd, das so zu verlgeichen und gleich ein Problem daraus zu machen.

Ich kann doch einfach registrieren, dass jeder Mensch Dinge anders wahrnimmt und eben dadurch andere Umgebungen benötigt. Da muss ich kein Label draufkleben. Für mich ist es normal, alles um mich herum sehr intensiv wahrzunehmen. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass andere Menschen anders wahrnehmen.

Auch ich bin schnell überreizt, wenn zu viele Menschen auf zu engem Raum sind.

Während der Schulzeit hatte ich schlimme Migräneanfälle, ständig, jahrelang.

Wenn mir etwas zu viel wurde bin ich kollabiert. Damals war von Hochsensibel noch keine Rede.

Ab dem Zeitpunkt, an dem ich mein Abiturzeugnis in Händen hielt und über meine Laufbahn und meine Zeiteinteilung selbst bestimmte, war das alles wie weggeblasen.

Ich glaube diese Freiheit war es, was mir Erleichterung brachte.

Das irre ist ja, dass meine Wahrnehmung für mich so normal war. Denn so wie ich wahrnehme so ist das für mich normal. Erst als ich älter wurde realisierte ich, dass nicht alle Menschen ständig alles wahrnahmen. Dass nicht alle Menschen sich von den Gefühlen anderer beeinflussen ließen.

Ein schlecht gelaunterer Mensch kommt in meine Nähe und hat unmittelbaren Einfluss auf mein Wohlbefinden. Ich spüre genau, dass etwas nicht stimmt. Früher habe ich die schlechte Laune direkt auf mich bezogen und hab nach der Ursache bei mir gesucht.

Mensch, war das anstrengend. Aber für mich war das ja alles so normal.

Ich sitze im Büro, vorm Gebäude, relativ weit weg piepst ständig ein Baufahrzeug. Nach 3 Stunden Dauerbelastung stöhne ich entnervt: „Wenn dieses verdammte Piepen kjetzt nicht gleich aufhört gehe ich nach Hause.“

Unverständliche Blicke etlicher Kollegen: „Welches Piepen?“

WEEEELCHES PIEPEN??? Soll das ein Witz sein? Wir werden hier seit Stunden mit ständigem Piepen belästigt und niemand nimmt das wahr außer mir?

Familienfest. Mehr als 3 Menschen im Raum und meine Kleine wird total unruhig.

Sie weiß nicht mehr wohin mit sich, fängt unzählige Dinge an und kann einfach bei nichts bleiben. Es wird gezappelt, nervös herumgeturnt, sie tut sich weh. Irgendwann ist alles zu viel. Sie liegt unter dem Tisch und fängt an, die Leute zu ärgern. Ich werde genervt, war zuvor bereits unruhig und nervös. Weil ich wusste, was ich eigentlich tun sollte. Nämlich aufstehen und mit ihr nach draußen gehen. Raus, an die frische Luft, wo sie ihre Energie loswird und nicht zu viele Stimmen auf sie einprasseln.

Aber ich will nicht immer alleine sein. Aber ja, das hätte ich wahrscheinlich tun sollen. Ihr helfen mit diesen für sie noch zu herausfordernden Situationen umzugehen.

Wieso stört das nur mich?

Ich sitze mit Kollegen in der Kantine beim Mittagessen, um mich herum Hunderte Menschen und ein unglaublicher Stimmenwirrwarr, welches ich einfach nicht ausblenden kann.

Ich komme in einen Raum und sehe alles – direkt. Was wo liegt, wieviel davon, was wo nicht hingehört und argh – die absolute Reizüberflutung.

Wenn ich jetzt 3- Jährige spielen sehe komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Meine Tochter hat in dem Alter nie so vertieft gespielt. Alles um sie herum nahm sie wahr. Es reichte, dass ich mich minimal bewegte und schon hörte ich sie rufen: “Was machst du?” Sie hat lange ganz schlecht und wenig geschlafen, war total unruhig und überreizt.

Selbst ist sie ein sehr lebhaftes und auch lautes Kind. Sie ist oft mittendrin, aber sehr oft auch geht sie auf Abstand. Dann klettert sie am liebsten so hoch sie kann und beobachtet alles von hoch oben. Lange habe ich nicht verstanden, wieso sie oft so alleine ganz oben sitzt- mit der Zeit wurde es mir klar.

Die Welt da unten ist ihr oft einfach zu viel.

Wirklich bewusst wurde mir, dass nicht alle so wahrnehmen wie ich in einem Gespräch mit einer Freundin. Die ganz erstaunt war, als sie erfuhr, was so alles auf mich einprasselt, während sie sich mit mir unterhält. Sie hat von alledem nichts mitbekommen.

Ein falscher Tonfall und ich spüre genau, dass mein Gegenüber nicht authentisch ist, etwas herunterspielt oder versteckt.

Mittlerweile kann ich die Vorzüge, die sich dadurch ergeben, sehen und mich annehmen wie ich bin. Mich frühzeitig abgrenzen, wenn ich merke, dass es zu viel wird. Das klappt natürlich nicht immer -mit einem Vorschulkind schon mal gar nicht. Die nötige Ruhe muss immer öfters warten.

Nun, wie erkläre ich Menschen, die anders wahrnehmen, wieso meiner Tochter vieles oft zu viel ist. Dass das aber keine Krankheit ist – sondern vielleicht sogar eine Gabe.

Dass sie nicht ausflippt weil sie ungezogen ist, sondern weil sie überfordert ist und eigentlich Ruhe bräuchte.

Ich habe darauf noch keine Lösung gefunden, gebe mir aber die allergrößte Mühe, dass sie sich bei mir verstanden und gut aufgehoben fühlt. Dass ich sie sehe mit all ihren Emotionen und dass ich daran glaube, dass sie reifen wird und damit umgehen werden wird.

Besser als ich damals. Denn die Migräneanfälle und alles was damit einherging will ich ihr um jeden Preis ersparen.

 

 

 

 

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