Beziehung und Bindung
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Erfahrungsbericht – Mutter- Kind- Kur, Pause auf Knopfdruck, Eltern am Limit

Bist du schon mal von einem fahrenden Karussell gesprungen? Ich auch nicht. Aber von einer Driller. Das sind diese sich drehenden Geräte auf den Spielplätzen. In letzter Zeit sehe ich diese gar nicht mehr so häufig. Aber in meiner Kindheit stand eine solche auf unserem Dorfspielplatz.

Wir drehten sie an wie wild, so schnell es ging und dann sprangen wir herunter. In der Mitte gab es ein Lenkrad, mit dem man die Geschwindigkeit kontrolllieren konnte. Wir liebten es, desto schneller es wurde.

Im Leben vergessen wir manchmal, das Lenkrad selbst in die Hand zu nehmen und die Geschwindigkeit und Richtung zu bestimmen. Als Kinder machten wir das noch zuverlässig.

Oft rannten Kinder nebenher und schubsten noch stärker an, so dass wir auf der Driller das Gefühl hatten, als würden unsere inneren Organe nach außen geschleudert.

Wieso erzähle ich dir das? Genauso habe ich mich in den letzten Monaten gefühlt. Ohne es zu merken. Es ist nämlich so. So lange sich alles dreht, bekommen wir gar nicht so ohne weiteres mit, dass sich alles dreht. Es fängt ja mal langsam an. Dann kommt immer noch etwas Schwung hinzu und wir gewöhnen uns an die Steigerungen, ganz langsam. Wie nehmen Fahrt auf, ohne es zu merken.

Kümmern uns, unterstützen, helfen, tun dies und tun das.

Füllen jede noch so kleine Lücke mit etwas Sinnvollem. Wir sind effizient und schaffen einfach alles. Irgendwie geht das schon. Noch Plätzchen backen für den Kindergarten? Ach, das machen wir noch schnell nebenher. 30 Stunden arbeiten, dann die Kinder abholen und versorgen. Quality Time für die Familie, und die Wohnung will ja auch noch in Ordnung gehalten werden. Es läuft alles. Ziemlich lang läuft alles so vor sich hin. Es gibt viele schöne Momente, auch genügend nicht so schöne Momente.

Manchmal vergessen wir, von dem Karussell abzusteigen.

Denn häufig merken wir gar nicht, dass wir uns auf einem solchen befinden. So normal ist für uns die Geschwindigkeit.

Und dann kam der Tag, an dem ich abstieg, für 3 Wochen. Gemeinsam mit 60 anderen Müttern und Kindern, denen es wohl zu viel wurde. Nachdem ich 10 Jahre migränefrei war, haben sich die Migränetage in den letzten Jahren wieder angehäuft. Leben mit Migräne war in den letzten 3 Wochen immer mal wieder Thema. Da wurde mir klar: Ich will nicht mit Migräne leben. Ich will so leben, dass ich keine Migräne habe. Es geht ja, die Erfahrung durfte ich über 10 Jahre lang machen. Es kann ja nicht sein, dass ich mich mit Medikamenten auf ein Leben einstelle, für das mein Gehirn nicht gemacht ist.

Na ja, so bin ich also abgestiegen. Ziemlich abrupt, von einem Tag auf den anderen.

Und dann hat sich erstmal alles gedreht, ziemlich schnell und ziemlich unangenehm. In meinem Kopf. Spaziergänge im Wald waren seltsam. Auch wenn ich diese zu Hause häufig unternehme. Die Bäume drehten sich, ich drehte mich und irgendwie war meine Wahrnehmung total gedämpft. Wie in Watte gepackt, so hab ich mich gefühlt. Es machte mir Angst.

Nur weil ich vom Karussell absteige, heißt das noch lange nicht, dass ich plötzlich ruhiger werde.

Nein, das dauert. Zum Glück, hatte ich 3 Wochen um anzuhalten. 3 Wochen, in denen ich mal im Mittelpunkt stand. In denen ich mich um mich sorgen konnte, durfte und sollte. 3 Wochen, in denen ich überhaupt erst merken durfte, wie angespannt ich wohl in den letzten Monaten gewesen sein musste. Verlangen wir manchmal zu viel von uns? Muss das wirklich sein?

3 Wochen, nur für uns. Zeit mit meinem Kind, ohne an die Einkäufe, Arbeit oder sonst was denken zu müssen. Sein und Sein. Fertig. Aufstehen, Sein, Fertig.

Obwohl ich unseren Alltag schon sehr reiz- und stressarm strukturiert habe, ist es wohl trotzdem manchmal einfach zu viel. Dieses sitzen am PC bei der Arbeit, in der Freizeit. Handynutzung…oh ja, ich habe es so genossen in den 3 Wochen mein Handy für maximal 15 Minuten am Tag in der Hand zu haben.

Zum ersten Mal habe ich gegen meine Tochter im Memory gewonnen. Nicht, dass es mir wichtig wäre, zu gewinnen. Die Erfahrung hat mir aber gezeigt, wie gut meine Merkfähigkeit arbeitet, wenn ich Ruhepausen habe. Zuvor versuchte ich krampfhaft, mir die Bilder zu merken. Nach 2 Wochen Erholung weigerte sich meine Kleine mitzuspielen, weil es mir so leicht fiel, die passenden Paare zu finden.

Bücher lesen. Ich lese immer viele Bücher. Allerdings in den letzten 6 Jahren, nur Fachbücher. Die kann man so schön überfliegen und nur die wichtigen Stellen lesen. Meine Mama gab mir 2 Romane für die 3 Wochen mit und ich meinte noch: „Das schaffe ich nie. Ich glaube eins reicht..“

Desto erstaunter war ich, dass ich 4 Bücher in den 3 Wochen gelesen habe. Zu Hause kann ich jede Seite 10 Mal lesen, ohne zu wissen, was da steht. Nun konnte ich so richtig in die Geschichten eintauchen. Ich wusste sogar hinterher noch, um was es in dem Buch ging.

Nach dem ersten Schock, dass sich alles weiterdrehte und mir irgendwie komisch zu Mute war…schwindelig und so….entspannte ich mich langsam.

Es fiel so vieles ab und ich bekam ein Gespür für so vieles, was ich noch so unbemerkt mit mir herumschleppte. 2 Tage vor der Heimreise stand ich mit einer Bekannten im Wald und zum ersten Mal seit langer Zeit war ich ruhig. So richtig ruhig. Nichts drehte sich, die Bäume bewegten sich nicht, ich stand, fest auf der Erde. Das Karussell hatte endlich angehalten und es fühlte sich super an. Nun, wie bringe ich das in meinen Alltag? Das ist die große Frage.

Schon bei der Heimreise fing das Karussell wieder an. Wer verbringt seinen 40. Geburtstag schon gerne bei einer Zugfahrt, bei der so ziemlich alles schiefgeht, was schiefgehen kann? Sicher ist jedenfalls, diesen Tag werde ich nicht mehr vergessen.

Nun besteht meine Aufgabe darin, nicht mehr aufzuspringen.

Nicht mehr auf jedes noch so kleine Karussell aufzuspringen. Zu merken, wenn es beginnt, sich zu drehen und frühzeitig wieder abzusteigen.

Ich weiß, was ich brauche. Ich weiß, was mir guttut. -ja, es bleibt wenig Zeit. Aber diese Zeit zwischen den vielen wichtigen Dingen, die möchte ich in Zukunft wieder mehr für mich nutzen. So wie mir das schon mal ganz gut gelungen ist. Für mich.

Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl von großer Langeweile erleben dürfen. Ich merkte, wie kreativ ich bin. Wir haben so viel gebastelt und gemalt. Geschichten erfunden und geschrieben. Wir haben uns so unglaublich viel bewegt. Ganz ohne Murren jeden Tag an die 10 km gelaufen. Einfach so, nebenher. Während wir am Strand Steine gesammelt, oder im Wald Bäume bestaunt haben. Abends hatte ich noch Energie, um zu malen, während meine Kleine schlief. Der Fernseher der zu Hause Abends schon öfters mal läuft, während ich platt auf der Couch hänge, interessierte mich überhaupt nicht.

Es ist einfach ein schönes Gefühl, abends noch Energie zu haben, um Dinge zu tun, die man gerne tut.

Das Licht ausmachen, wenn ich müde bin. Das habe ich in den 3 Wochen gut geschafft. Ich hatte keine Angst, etwas zu verpassen oder nicht mehr hinterherzukommen. Es gab kein Geschirr, das noch wegmusste, keine Wäsche, kein herumliegendes Spielzeug, das mich störte. Nichts. Einfach nur meine Müdigkeit. Ich bin dankbar, für diese Erfahrung. Für das Bewusstwerden. Für die vielen lieben und zuvorkommenden Menschen, denen ich begegnet bin. Und für die schöne Zeit, die ich mit meiner Tochter haben durfte.

Auf dass wir es schaffen, das Karussell unter Kontrolle zu halten. So dass es sich nur so schnell dreht, wie es uns nicht schwindelig macht. Denn schließlich haben wir das Lenkrad in der Hand.

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