Beziehung und Bindung, mehr Gelassenheit
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Fragwürdiges Essverhalten bei Kindern und was das mit der Bindung zu tun haben könnte

Das Essverhalten ist bei vielen Familien mit kleinen Kindern Thema. Es wird viel darüber gesprochen und diskutiert. Manchmal rückt das Thema so sehr in den Mittelpunkt, dass niemand in der Familie mehr Spaß am Essen hat.

Die Eltern haben schon vor dem Essen ein flauschiges Gefühl im Magen und eigentlich haben Sie überhaupt keine Lust, sich schon wieder mit den Essgewohnheiten ihres Kindes konfrontiert zu sehen.

Die Stimmung ist gedrückt und es wird darauf geschaut, was das Kind nun isst und was nicht.

So sind alle angespannt und der eigentliche Sinn des gemeinsamen Essens rückt in den Hintergrund. Zeit gemeinsam zu verbringen und das Essen gemeinsam zu genießen. Sich auszutauschen und sich zugehörig zu fühlen.

Als ich das erste Mal den Satz, „Kinder essen das, was Ihre Bindungspersonen essen“, hörte war ich noch skeptisch. Als ob das immer so einfach wäre.

je mehr ich über bindung lernte, desto klarer wurde mir, auf was es ankam.

Natürlich wird es immer Dinge, geben, die das Kind nicht mag. Im Großen und Ganzen wird es sich aber daran orientieren, womit seine Bindungsperson es versorgt.

Dazu hatte ich gestern ein Schlüsselerlebnis. Nicht das erste dieser Art. Meine Tochter ist 4 1/2 und isst natürlich auch nicht alles (muss sie auch gar nicht). Aber sie isst vieles – vor allem wenn es auf meinem Teller liegt.

Sie sah mich seit Wochen immer mal wieder Rosenkohl essen. Anfangs fragte ich sie, ob sie mal probieren wolle, woraufhin sie angewidert das Gesicht verzog. Ich ging nicht weiter auf ihre Geste ein. Und aß meinen Rosenkohl ganz für mich alleine. Für sie hatte ich sowieso etwas Anderes vorbereitet. Irgendwann ließ ich sie bei der Zubereitung helfen. Es machte ihr großen Spaß, die kleinen Blätter des Rosenkohls abzumachen. Gestern setzten wir uns gemeinsam an den Tisch. Ich mit den Resten des Mittagessens: Kartoffeln und Rosenkohl. Ihr hatte ich ein Brot gemacht. Neugierig schielte sie auf meinen Rosenkohl und sagte: „Heute esse ich den Rosenkohl alleine!“. Und jetzt ratet mal, wer die ganzen grünen Kugeln gegessen hat?

Ich frage mich in letzter Zeit immer häufiger, wieso so viele Familien Probleme mit dem Essverhalten ihrer Kinder haben.

Wenn ich dann höre, es sei normal, dass Kinder so wenig abwechslungsreich essen, kann ich das nie so richtig glauben. Klar, es ist normal, dass Kinder nicht alles essen, aber dass sie Monatelang nur Nudeln „mit ohne“ etwas essen?

Da muss man sich natürlich jeden Fall ganz genau anschauen. Pauschal zu sagen, das sei ganz schon gut so, finde ich jedoch unangebracht.

Wenn man traditionelle Gesellschaften betrachtet, in denen die Familien zusammen essen und in denen Kinder mit verschiedenen Generationen zusammentreffen, ist es ganz normal, dass sie am Tisch mitessen. Die Kinder werden nicht in die Planung und Entscheidungen rund um das Essen eingebunden. Es gibt ein Angebot an Speisen und den Kindern würde gar nicht einfallen, das Essen, das ihre Versorgerin Ihnen zubereitet, kategorisch abzulehnen.

Für diese Kinder ist es einfach natürlich, dass sie mit Essen versorgt werden.

Diese Selbstverständlichkeit haben wir ein wenig verloren. Viele Eltern fragen ihre Kinder, was sie essen möchten. Das überfordert kleine Kinder. Und es ist auch nicht ihre Aufgabe, sich darüber Gedanken zu machen.

Die Kinder sollen zur Ruhe kommen, sich entwickeln und reifen dürfen.

Kinder können sich nur in einer Beziehung fallen lassen, wenn sie in dieser versorgt werden. Wenn sie die Verantwortung komplett abgeben können und wissen Mama, Papa, Oma, etc. wissen was ich brauche und kümmern sich darum, dass ich es bekomme.

Nur dann können sie ihre Eltern als ihre Antwort wahrnehmen, als ihren Orientierungspunkt, der weiß, was zu tun ist.

Dieses Gefühl kann man schwer vermitteln, wenn man dem Kind alle Entscheidungen oder viele Entscheidungen rund um seine Grundbedürfnisse übergibt. Die Verantwortung liegt dann einfach beim Kind und da sind dann die Rollen eventuell verdreht. Das Kind übernimmt die Verantwortung für das Essen und kann somit gar nicht annehmen, was ihm angeboten wird. Es geht dabei nicht so sehr um das Essen, sondern um die Bindung.

Es geht nicht darum, zu bestimmen, was das Kind essen muss oder darum, ihm etwas aufzudrängen, was es nicht möchte.

Es geht vielmehr darum, die Vorlieben, Bedürfnisse des Kindes zu erspüren und das Kind zu versorgen.

Ein Kind, das zu Hause zu viel Verantwortung übernimmt, und somit der Leuchtturm ist, um den sich alle drehen, kann sich nicht nähren lassen. Sein Instinkt lässt das nicht zu.

Es gibt natürlich auch Kinder, die ernsthafte Essstörungen haben. Darum geht es in dem Artikel nicht. Dazu finde ich diese Informationen von Karl Heinz Brisch aufschlussreich. Darin wird auch ganz gut die selektive Ablehnung bestimmter Speisen erläutert.

Mit dem Artikel möchte ich auch nicht sagen, dass einseitige Essgewohnheiten immer gleich ein Problem darstellen. Ich möchte lediglich dafür sensibilisieren, dass Essen und Bindung ganz eng miteinander verbunden sind.

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