Beziehung und Bindung, weniger schimpfen
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Die Bedeutung der Tränen für die kindliche Reifung und Entwicklung

Heute durfte ich wieder eine Szene beobachten, die mir alles was ich zum Thema „Emotionen“ bis jetzt gelernt habe, verdeutlicht hat.

Ein kleiner Junge spielte mit seiner Schwester mit Luftballons. Jeder hatte zwei. Plötzlich war ein Luftballon verschwunden und der größere Bruder fing bitterlich an zu weinen und behauptete, dass seine kleine Schwester seinen zweiten Luftballon genommen hätte, weil ihrer weggeflogen sei.

Die Reaktion der Mutter: „Aber wegen so einem blöden Luftballon musst du doch nicht weinen…“ (aus der Ferne rufend) gefolgt von weiteren so hilfreichen Kommentaren. Irgendwann beruhigte sich der Junge, da ihn sowieso niemand ernstnahm mit seinen Gefühlen. Als sein Vater in den Raum kam, suchten die Emotionen sich wieder einen Ausgang. Er fing erneut an, zu weinen und berichtete dem Vater, was passiert ist. Die Reaktion des Vaters: „In Zukunft gibt es keine Luftballons mehr, dann muss auch keiner weinen!“

Zwanzig Minuten später verkündete der 5-jährige Junge stolz: „Mein zweiter Luftballon ist nun auch weg. Aber das ist mir egal!“ Er grinste und wirkte, als sei es ihm egal.

Was war hier nun passiert. Der Junge wurde in seinen Gefühlen nicht ernstgenommen und hat deshalb versucht, sie zu beherrschen. Es gelang ihm immer besser. Denn als der Vater reinkam, schaffte der kleine Kerl es innerhalb von Sekunden, das Weinen abzustellen. Er hat seine Gefühle verdrängt.

Ich habe mir schon öfters mal gewünscht, eine solche Gelegenheit bei meiner Tochter zu bekommen. Meine Kleine weint sehr selten und ich mache mir oft Gedanken darüber. Weint sie nicht, weil sie in ihrer Adaption weit vorangeschritten ist oder weint sie nicht, weil ihr Gehirn unerwünschte Emotionen wegpanzert.

Jedenfalls eignen sich solch kleine Situationen wie oben beschrieben wunderbar, Kinder zu ihren Tränen zu führen. Nur so kommen sie im Adaptionsprozess weiter. Nur wenn sie eine Situation betrauert haben können sie beim nächsten Mal „gelassener“ reagieren. Nicht gleichgültiger, sondern hinnehmender.

Eine mögliche Reaktion hätte sein können: „Ach Mensch, das ist ja wirklich blöd, dass dein Luftballon weg ist. Komm mal her. Weißt du, wenn ich etwas verliere, ärgere ich mich auch immer und wenn mir etwas besonders wichtig war, bin ich sogar sehr traurig darüber.“ Diese Tränen haben eine andere Zusammensetzung als andere Tränen, sie enthalten ganz viele Toxine, deshalb wirkt ein solches Weinen reinigend. Auch Erwachsene kennen diese befreiende Wirkung von richtigem Weinen.

So würde das Kind sich verstanden und mit seinen Emotionen angenommen fühlen. Es könnte sich im Arm der Mutter vielleicht ausweinen und die Situation annehmen, ohne seine Gefühle verstecken zu müssen.

Kinder begegnen immer wieder Situationen, die sie nicht ändern können. Situationen der Vergeblichkeit. Egal was sie tun, sie müssen manche Situationen akzeptieren lernen. Das ist ein Reifungsprozess. Nicht etwas, was man dem Kind beibringt.

Oft finden diese Frustrationen, denen Kinder im Laufe eines Tages begegnen einen Ausgang über Aggressionen. Die Kinder liegen dann vor Wut strampelnd vor einem und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Meist wissen auch die Eltern nicht, wie ihnen geschieht. Aber die Emotionen sind ja da, auch wenn das Kind diese erfolgreich zeitweise unterdrückt hat.

Außerdem werden sie anfangs immer wieder versuchen, die Situation zu ändern. Wenn sie merken, dass das nicht geht, werden sie wütend.

Damit das Kind zu seinen Tränen findet muss es die Vergeblichkeit spüren, diese muss einsinken. Das ist ganz schwer in Worte zu packen. Aber jeder kennt das Gefühl. Dieser Moment, in dem du realisierst, dass du etwas nicht ändern kannst. Dann bleibt nur noch übrig, zu trauern. Erwachsene weinen meist innerlich und nicht mehr so sehr äußerlich. Aber wir müssen diese Trauer spüren und erleben, um über die Dinge hinwegzukommen.

Irgendwann, werden sie dazu in der Lage sein, die Umstände zu betrauern und hinzunehmen. Dann, wenn nichts mehr übrig ist, als so richtig zu weinen. Dazu braucht es einen sichereren Hafen. Einmal richtig an Mamas Schulter ausgeweint und schon fühlt sich das Kind besser. Problematisch wird es, wenn das Kind nirgendwo richtig weinen kann. Dann ist es dauerhaft gezwungen, seine Emotionen zu unterdrücken und dann kommt eben irgendwann diese „Ist mir egal-Haltung“ an ganz vielen Stellen hervor. Die Reifung kann nur voranschreiten, wenn das Kind seine Gefühle spürt und sie einsinken lässt.

Bei Gordon Neufeld heißt es, das Kind muss von von “sauer zu Trauer“! finden, von Frustration zu Vergeblichkeit – „mad to sad“. Wenn wir diese Reise nicht machen, bleiben wir in der Wut stecken und der Adaptionsprozess schreitet nicht voran.

Dazu in einem zukünftigen Artikel mehr.

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