Beziehung und Bindung
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Schulreife durch die entwicklungspsychologische Brille

Ich habe den Eindruck, dass immer mehr und mehr Kinder früher eingeschult werden. Das Argument der Erzieher, dass das Kind sich demnächst im Kindergarten langweilen würde, habe ich schon sehr oft gehört.

Auch bei der letzten U-Untersuchung sprach ich das Thema „Einschulung“ an. Wir wohnen in Baden-Württemberg und meine Tochter wird als Juli-Kind ein Muss-Kind sein.

Das ist schon absurd genug. Ihr etwas älterer Kindergarten-Freund, der nun einige Kilometer weitergezogen ist und somit in Hessen lebt, wird ein Kann-Kind sein.

Die Lage der Sommerferien bestimmt also, ob ein Juli-Kind in die Schule muss oder nicht. Absurd.

Das Gespräch mit der Kinderärztin lief sehr gut und ich war erleichtert, dass sie einige meiner Ansichten teilte. Aber auch sie sagte mir, dass so wie sie meine Tochter erlebte, sie davon ausginge, dass sie sich tatsächlich im Kindergarten langweilen würde.

Das Thema Schulreife hatten wir auch letztens in einem der Kurse, die ich am Neufeld- Institut belege. Die Erklärung, wie die Schulreife aus entwicklungspsychologischer Sicht gesehen werden sollte, fand ich sehr einleuchtend.

So kann man diese an zwei Faktoren feststellen. Dabei geht es erstmal nicht um irgendwelche Fähigkeiten oder um Intelligenz, Auffassungsgabe oder sonstiges.

Zum einen spielt die Bindungstiefe eine Rolle.

Nur wenn das Kind tief an einen fürsorglichen Erwachsenen (im Idealfall Mutter oder Vater) gebunden ist, ist es für die Schule bereit. Denn nur mit dieser schützenden Bindung kann sich das Kind in dem oft verletzenden Umfeld Schule sicher und geborgen fühlen und idealerweise eine gute Bindung zum Lehrer aufbauen.

Außerdem braucht es die tiefe Bindung um auch bei Abwesenheit der Hauptbezugsperson an dieser festhalten zu können, sprich um nicht mit Trennung konfrontiert zu sein. Denn ein Kind, das den ganzen Morgen mit Trennung konfrontiert ist, wird alarmiert und somit unruhig sein.

Hast du schon mal versucht, ruhig zu sitzen und dich zu konzentrieren, wenn du in einem alarmierten Zustand bist?

Es braucht also die gute Bindung, in der das Kind ruhen kann. Wenn wir uns nun die Entwicklung der Bindungstiefe anschauen, stellen wir schnell fest, dass das Kind in der Regel (wenn alles gut läuft) mindestens 6 Jahre braucht, um die tiefste Stufe zu erreichen.

Wie sinnvoll ist dann eine Einschulung mit 5 Jahren?

Natürlich muss man jeden Fall individuell betrachten, ich möchte hier lediglich einen Überblick zu dem Thema geben.

Der zweite wichtige Faktor ist die Entwicklung der präfrontalen Hirnrinde, welche das Kind bemächtigt, mehrere Gefühle gleichzeitig wahrzunehmen und somit der Beginn der Impulskontrolle ist. Ein Kind, bei dem dieser Gehirnbereich nicht ausreichend entwickelt ist, ist nicht zu echtem sozialen Verhalten fähig.

Außerdem wird es Probleme haben, das „Prinzip Arbeit“ zu verstehen. Klein- und Vorschulkinder funktionieren nach dem „Prinzip Spiel“, sie können nicht auf etwas hinarbeiten. Sie leben im Hier und Jetzt und lassen sich von ihren Impulsen leiten. Für die Schule ist es aber nun mal notwendig, dass Kinder auch etwas erledigen können, um etwas Anderes zu erreichen. Hast du schon mal versucht, einem Kleinkind zu erklären, dass es, wenn es A möchte, zuerst B machen muss? Also bei meiner Tochter funktioniert das überhaupt gar nicht. Wenn sie etwas will, dann jetzt sofort.

Für mich sind dies zwei wesentliche Faktoren, die bei der Einschulung berücksichtigt werden sollten.

Einschätzen können dies wohl am ehesten die Eltern und vielleicht auch Erzieher, wenn sie für diese Themen sensibilisiert sind. Bis jetzt werde ich aber eher angeschaut, als würde ich ich Chinesisch sprechen, wenn ich anfange von Bindungstiefe und Reifung zu sprechen. Es basiert eben doch vieles auf der Lerntherorie und der Annahme, dass Verhalten ausschließlich erlernt wird.

Der Reifegrad lässt sich nicht so einfach messen wie die Stifthaltung oder die Tatsache, ob das Kind mit einer Schere schneiden kann oder nicht.

Trotzdem sollte man da genau hinschauen und sich die Mühe machen, mehr in Betracht zu ziehen, als irgendwelche Fähigkeiten des Kindes.

Oft hilft schon ein halbes Jahr länger behütet zu Hause und im Kindergarten, damit das Kind Zeit und Ruhe für die notwendigen Reifungsschritte hat.

Da das Thema noch etwas weit weg ist für mich, interessiert es mich brennend, welche Erfahrungen du mit der Einschulung gemacht hast. Über deine Kommentare würde ich mich freuen!

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Andrea sagt

    Also wir hatten überlegt, unser erstes Kind mit den Kindergartenfreundschaften als Kann-Kind einzuschulen. Schulstart Mitte September, 6. Geburtstag Ende Dezember. Denn es waren wirklich ALLE Nachbarskinder, mit denen es im Kindergarten und Zuhause gespielt hat, Muss-Kinder. (In Berlin wäre es ein Muss-Kind gewesen, bei denen ist in dem Geburtsjahrgang der 31.12. der Stichtag.)
    Nun ist meine Mutter Grundschullehrerin gewesen, mein großes Geschwister wurde als Kann-Kind NICHT eingeschult. Und die Erfahrungen sprachen ALLE dafür, unser Kind warten zu lassen, auch wenn das Pflichtbewusstsein und der Lernwille, Konzentration etc. sehr ausgeprägt waren. Morgens fiel das Aufstehen schwer. Das war für mich so ein Punkt, wo wir uns sicherlich gestritten hätten. Jeden morgen! Ein sehr abschreckender Gedanke, wenn dem Kind eigentlich noch ein Kindergartenjahr mit Ausschlafen zustünde.
    Meine Mutter meinte, mein Geschwister war durch das Alter (fast 7 bei der Einschulung) ein „Selbstläufer“, sie habe sich um nichts kümmern müssen. Das hörte sich entspannt an und das hat mich letztenendes überzeugt.
    Das letzte Kindergartenjahr war nicht wirklich langweilig, den Erzieherinnen sei Dank. Unser großes Kind hat sich in diesem Jahr selbst Lesen und Schreiben beigebracht (Vorschulhefte oder sowas hatten wir mit Absicht nicht, es war wirklich SELBST beigebracht durch bekannte Buchstaben aus dem eigenen Namen und Ergänzung zum Beispiel beim Einkaufen – Apotheken und Einkaufsmärkte sind angeschrieben und der Name dazu ist bekannt). Das Kind war ein Selbstläufer in der Schule, hätte das zweite Schuljahr überspringen können. Wir haben das abgelehnt. Denn die emotionale Reife spielt ja auch eine große Rolle. Wieso ein Kind, dass super klar kommt, nach vorne pressen?
    Beim zweiten Kind (ebenfalls aus dem Dezember) stand von unserer Seite aus nie eine frühere Einschulung zur Debatte. Die Kindergärtnerin hat es in den Raum geworfen. Aber unsere Erfahrungen sind so gut mit dem Warten, dass wir uns nicht unnötigen (in dem Fall wirklich: hausgemachten) Stress antun wollen. Es geniesst sein Vorschuljahr als ältestes Kind der Gruppe und ist sehr ausgeglichen und zufrieden.
    Beim dritten Kind (Kindergartenkind) bin ich mir aktuell nicht sicher. Das ist sprachlich wie motorisch und intellektuell einfach der Hammer, verglichen mit den auch schon reifen und weiten Geschwistern. Als Oktoberkind ist es dichter am Stichtag dran. Aber wahrscheinlich werden wir auch dieses Kind warten lassen. Schliesslich war ich sehr froh, dass es nicht schon Ende September „geschlüpft“ ist und wir uns mit niemandem über eine evtl. spätere Einschulung streiten müssen.

    Die Erfahrungen aus dem Bekannten- und Mitschülerkreis zeigen, dass die Kinder, die zurückgestellt wurden, enorm davon profitiert haben. Und dass diejenigen, die mit 5 eingeschult wurden, in der ersten Klasse im allgemeinen negativ auffallen/aufgefallen sind durch ihr unreifes Verhalten. Ich kenne da bisher nur eine einzige Ausnahme. Und das Kind ist von klein auf der Typ „Professor“.

  2. Silke Kohaupt sagt

    Ich finde den Artikel klasse, das ist mal eine andere Sichtweise! Wir sind gerade genau in dieser Phase: unser Sohn wird Ende Juli 2018 6 Jahre und wir laufen gerade alle Stufen (Kitagespräch, U9, Anmeldegespräch in der Schule, Einschulungsuntersuchung) durch.
    Unser Sohn hat erst mit drei angefangen zu sprechen. Man kann ihn verstehen, muss aber genau zu hören oder ihn bitten langsamer zu sprechen. Seine Sprache hat sich, nachdem er einmal angefangen hatte, permanent weiterentwickelt. Für mich und die Kinderärztin so weit kein Problem.
    Jetzt wurden wir aber aufgefordert, dass untersuchen zu lassen und zu schauen, ob das Kind schulfähig ist. Es zählt jetzt also nur die Sprache. Sachen, die er überdurchschnittlich gut kann werden gar nicht beachtet. Da mache ich mir schon Gedanken.
    Der Artikel beruhig mich ungemein, denn sowohl bei der Bindungstiefe wie auch in der Entwicklung der präfrontalen Hirnrinde sehe ich ihn auf einem sehr guten Weg!

    • Andrea sagt

      Aber was spricht denn dagegen – Bindungstiefe, Hirnrinde und andere Fähigkeiten hin oder her – dem Kind ein Jahr zu „schenken“, wenn es sprachlich spät dran ist? Ein Jahr mehr Kindergarten, mehr Freiraum, mehr Spielen, mehr Reife. Ich habe das Gefühl, es ist für viele ein Manko, das Kind warten zu lassen. Ich sehe es als Geschenk an die Kindheit.
      Die Sprache ist in der ersten Klasse SO wichtig. Wie soll er denn schreiben, wenn er nicht verständlich spricht? Die Kinder schreiben anfangs fast überall nach Gehör und lernen erst dann die Rechtschreibung. Da ist doch ganz viel Nacharbeit Zuhause gleich in der ersten Klasse angesagt, um mitzukommen. So kann man sich und dem Kind den Schulstart gleich richtig versauen. 🙁
      Man kann aber auch an der eigenen Einstellung arbeiten und sagen: „Ich tu meinem Kind etwas Gutes.“ In dem Jahr, in dem man es nicht in der ersten Klasse hat und es täglich „ärgert“, damit es mitkommt, arbeitet man an der Sprache (vielleicht noch zum Logopäden gehen, das ist auch keine Schande) und kann dann ein souveränes Kind einschulen, das viel weniger Hilfe benötigt und von Anfang an eigene(!!!) Erfolgserlebnisse hat.

      Den Artikel finde ich dazu sehr gut: http://www.t-online.de/leben/familie/schulkind-und-jugendliche/id_67898750/einschulung-wann-ist-ein-kind-schulreif-.html

  3. Danke für eure Kommentare. Ich wünschte, mein Kind wäre ein Kann-Kind. Da wäre meine Entscheidung klar. Aber so werde ich mich wohl auf Widerstand einstellen müssen. Denn einen offensichtlichen Grund für eine Rückstellung gibt es nicht.
    Es sollte auch in Betracht gezogen werden, dass die Reifung bei Grundschülern eher ins Stocken geraten kann. Denn sind sie nicht durch eine starke Bindung geschützt und tagtäglich einem verletzenden Umfeld ausgesetzt (und das sind die meisten Schulen), dann ist das Gehirn damit beschäftigt, zu panzern. Panzern und Reifen gleichzeitig funktioniert nicht. Hat das Kind dann zu Hause eine verlässliche Bindung, Ruhe und Zeit, kann die Panzerung immer wieder runterfahren. Hat das Kind dies nicht, (und viele Elternhabenkeine Zeit für ihre Kinder) bleibt die Panzerung und das Kind ist mehr und mehr vor verletzenden Gefühlen geschützt- was für die Reifung des menschlichen Potentials hinderlich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wieso ein Kind unter einem Jahr länger im Kindergarten leiden sollte. Außer die Erzieher sind dagagen und das Kind spürt dies. Aber hat das Kind gute Beziehungen zu den Erziehern und fühlt sich sicher und geborgen, sehe ich keinen Grund, warum es dem Kind schaden sollte, im Kindergarten zu bleiben. Meist sind es dann die Eltern, die das Kind so schnell wie möglich „aufsteigen“ sehen wollen.

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