Beziehung und Bindung
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“Gebt den Kindern ihre Kindheit zurück“ von Dr. med. Michael Winterhoff – meine Eindrücke vom Vortrag

Vor ein paar Tagen konnte ich einen Vortrag von Herrn Dr. med. Winterhoff erleben. Ich habe mir einige Notizen gemacht, welche ich aber erstmal außen vorlasse. Hier möchte ich einfach mal festhalten, was mir von dem einstündigen Vortrag im Gedächtnis geblieben ist.

Den Titel fand ich vielversprechend: “Gebt den Kindern ihre Kindheit zurück!”

 

Herr Winterhoff schilderte einen ganz großen Umbruch in der Entwicklung unserer Kinder um das Jahr 1995 herum. Bis dahin, so seine Erfahrung, seien die Kinder mit 3 Jahren kindergartenreif und mit 6 Jahren schulreif gewesen. Ihre Psyche sei altersgemäß entwickelt gewesen.

Heute sehe er jedoch über 80% der Grundschüler, die nicht schulreif seien.

Außerdem gebe es 60% Heranwachsende, die niemals arbeitsfähig sein würden, da ihnen die sozialen Fähigkeiten fehlten.

Erleichtert war ich darüber, dass er gleich zu Anfang klarstellte, dass diese Kinder nicht das Problem seien, sondern dass sie ein Problem haben und Hilfe brauchen, in ihrem Umfeld klarzukommen. Die Probleme seien immer auf das System Familie und auf die Gesellschaft zurückzuführen.

Bis 1995 sah er immer eine Verbindung der Probleme zu der Familiengeschichte und der unsichtbaren Blockaden der Eltern. Seit den 90-ern sehe er die Ursache in den gesellschaftlichen Veränderungen, nicht zuletzt in der digitalen Revolution.

Es ginge nicht um Erziehung oder um Erziehungsstile

Das sei überhaupt nicht das Thema. Aus ihm sei ja auch etwas geworden, obwohl er in einer ganz anderen Zeit großgeworden ist. (wie ich diesen Satz liebe)

Dann hat er kurz über die Meilensteine in der psychischen Entwicklung der Kinder gesprochen, welche ich hier nicht weiter ausführen möchte. Beim Thema Bildung von Frustrationstoleranz war ich eher überrascht.

So sieht er es für wichtig an, dass ein Säugling immer direkt getröstet wird (ich war erleichtert) – denn das sei, wie wir alle wissen, wichtig für das Urvertrauen. Wird dieses in dem frühen Alter nicht gebildet sei die Beziehungsfähigkeit eher unwahrscheinlich.

Ab dem 9 Monat, so erklärte er, müsse das Kind aber bereits lernen, zu warten. Man solle also erstmal kurz innehalten, bevor man reagiert. Ansonsten würde das Kind lernen, dass es uns wie einen Gegenstand herumschieben könne. So seine Theorie. Mit 10-16 Monate würde das Kind nämlich normalerweise zwischen Menschen und Gegenständen unterscheiden können.

Meiner Ansicht nach, sind Kinder aber sowieso schon mit so vielen Vergeblichkeiten konfrontiert, dass ich sie nicht auch noch bewusst kreieren muss. Ich kann nicht immer gleich reagieren, insofern muss ich daraus keine Methode machen. Wichtig ist es, das Kind bei seinem Frust ernst zu nehmen und es aufzufangen.

Mit 5 Jahren solle das Kind nahezu jeden Auftrag der Eltern gleich erfüllen, also ohne dass die Eltern es hundert Mal sagen müssten. Dies geschehe nicht aus Gehorsam, sondern weil das Kind erkenne, dass die Mama etwas zu sagen hat.

Ich nehme an, hier spielt er auf die Bindung an, leider kam das überhaupt nicht klar hervor. In keinem Satz wurde erwähnt, wie ein Kind denn nun “dazu gebracht wird”, den Eltern zu vertrauen und dass es die Bindung ist, die dazu führt, dass das Kind mit den Eltern kooperiert. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass auf die Entwicklung der Bindung hingewiesen worden wäre. Diese ist ja nicht einfach von Anfang an da!

Nicht die Erziehung gestalte Verhalten, sondern die Entwicklung.

Also wirklich ein paar interessante Ansätze, leider fand ich sie sehr wenig ausgeführt und die klare Aufgabe der Eltern blieb verschleiert.

Bei dem Satz konnte ich ein inneres Augenverdrehen nicht vermeiden:

„Aber meine Damen und Herren, diese Störungen sind alle behebbar. Mit nur 5 Sitzungen in meiner Praxis und in 1,5 Jahren kann ich ein Kind, das als 2-jähriges steckengeblieben ist zu seinem echten psychischen Alter (in dem Fall 15 Jahre) bringen“.

 

Die Art und Weise, wie er die Reifung der Kinder dargestellt hat, lässt vermuten, dass wir dafür etwas tun könnten, oder noch eher, dass er dafür etwas tun kann, in nur 5 Sitzungen. Es ist ja schon richtig, dass ein Mensch jederzeit reifen kann, aber wir können die Reifung ja nicht beschleunigen. Wir können lediglich dafür sorgen, dass der Reifung nichts im Weg steht.

Dazu braucht es unter anderem Bindung und Ruhe.

Symbiose als Hauptursache

Das Hauptproblem sehe er in der Beziehung von Kindern und Eltern. Er sehe immer mehr Eltern, die mit ihrem Kind in einer Symbiose lebten. Da das Thema schlecht greifbar ist, verglich er es mit Körperteilen. Eltern würden sich so fühlen, als sei das Kind ihr verlängerter Arm. Dadurch käme es zu einer geringen Abgrenzung der Erwachsenen. Der Arm müsse funktionieren, es komme zu unsinnigen Machtkämpfen. Wenn der Arm piekt, würde die Mama springen, damit es dem Arm wieder gut ginge. So bekomme das Kind jederzeit alles, und lernt, dass die Mama oder der Papa wie ein Gegenstand reagierten und sich nur um es drehten.

Die Kinder „zwingen“ die Erwachsenen, sich auf sie einzustellen und nicht mehr anders herum.

 

Diese Kinder seien nicht mehr begeisterungsfähig, es ginge immer nur ums bekommen, ums kriegen. Immer mehr.

Ich war ja schon mal erleichtert, dass er eines der größten Probleme in der Eltern-Kind Beziehung sieht, war aber ein wenig enttäuscht darüber wie wenig tiefgehend er die Thematik darstellte. Wenn seine Beschreibung vielleicht auch auf viele seiner Patienten zutrifft, denke ich gibt es doch auch noch eine ganze Reihe anderer Beziehungsproblematiken. Wobei er die Alpha-Problematik auch angeschnitten hat. Die Kinder übernähmen heutzutage zu viel Verantwortung, die Erwachsenen versuchten, kleine Kinder mit Erklärungen und Vernunft zu lenken. Eltern übertrügen Kindern Entscheidungen, die sie nicht treffen sollten.

Er sieht ein großes Problem in der partnerschaftlichen Erziehung, die dafür sorgte, das Kind zu sehr in die Verantwortung zu nehmen.

 

Seine Zusammenfassung:

„Wir haben die Kindheit abgeschafft!“

Kindheit bedeute im eigentlichen Sinn: Viel Zeit, viel Ruhe, viel Gelassenheit,

Diese Partnerschaflichkeit durchziehe nun auch unsere Kindergärten und Schulen. Der Lehrer als Lernbegleiter, das Kind solle sich wie an einem Buffet bedienen und nur das tun, wozu es Lust habe. Heutzutage ginge man davon aus, dass man soziale Fähigkeiten über Reden bilden könne.

Partizipation und offene Kindergartenkonzepte machte er mit verantwortlich für die Entwicklung in den letzten Jahren.

Dann ging er über zum Erwachsenen.

In der heutigen Zeit sehe er viele orientierungslose Erwachsene. Somit diene das Kind mittlerweile als Orientierung. Also auch hier die Alphaproblematik. „Was möchtest du denn heute essen? Was willst du machen?“

Kinder würden zu viel entscheiden und es käme dadurch ganz schnell zur Machtumkehr.

Und darum könnten sich Kinder heute nicht mehr über ein psychisches Alter von 2 Jahren hinaus entwickeln.

In der Gesellschaft sehe er das Fehlen einer positiven Zukunftsvision als gravierend an. Wenn Mama und Papa nicht optimistisch in die Zukunft schauten, dann fehle ihnen auch die Zuversicht und das Glück. Also würde das Kind zur Zukunftsvision, zu ihrem Glück.

Dann gingen Eltern für ihr Kind in die Schule und kümmerten sich um alle Probleme, als sei es ihr eigenes.

Eltern in der Symbiose seien im Körpersystem und würden immerzu nach Erklärungen für das Verhalten des Kindes suchen. Sie könnten das Kind nicht mehr klar wahrnehmen, als das was es ist. Sie reagierten reflexartig auf das Kind und erklärten Probleme immer mit irgendwelchen äußeren Umständen.

Hier habe ich nicht so richtig verstanden, was Herr Winterhoff damit sagen wollte. Denn anfangs sagte er ja, nicht das Kind sei das Problem, sondern das drum herum. Hier sagte er aber, wenn das Kind frech sei, solle man es als frech ansehen. Früher wären diese Kinder auf ihr Zimmer geschickt worden, heute suche man nach Erklärungen. Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Wortlaut.

Das Smartphone sehe er als großes Problem.

Diese Ansicht teile ich ganz klar. Erwachsene, die ständig reizüberflutet sind, und dem Kind kaum ungeteilte Aufmerksamkeit schenken können, können dem Kind nicht der sichere Hafen sein, den es braucht.

Viele Erwachsene verfügten nicht mehr über ihre Psyche, seien fremdgesteuert und reagierten nur noch anstatt zu agieren. Es ginge ums Überleben und ums Reagieren. Sie seien ständig angespannt, durch die beängstigenden Nachrichten, die uns in kurzer Zeit erreichen. Wenn etwas Schlimmes passiert, sei es so, als seien wir dabei.

Wenn die Eltern bereits so überfordert seien, sei es ein leichtes für die Kinder, alles zu bekommen. Denn meistens seien die Forderungen der Kinder dann einfach zu viel und würden erfüllt, um Ruhe zu haben.

Aber auch dafür hat er ein Rezept:

Psychohygiene

Und den Vorschlag fand ich übrigens sehr gut. An dem Thema arbeite ich schon lange, mehr Zeit für meine eigene Ruhe zu finden. Als erstes habe ich das Smartphone aus meinen Nachmittagen verbannt. Herrn Winterhoffs Vorschlag war es, sich mal 3-4 Stunden im Wald aufzuhalten, ohne Ablenkung. Alleine mit sich und seinen Gedanken. Den ersten Versuch habe ich nach 50 Minuten abgebrochen, ich werde berichten.

Wir sollten wieder Kapitän über unsere Psyche werden und nur so könnten wir uns unseren Kindern gegenüber abgrenzen. Uns immer wieder erden, damit wir nicht kontinuierlich im Katastrophenmodus seien. Abgrenzen und zurück zur Intuition finden.

 

Zusammenfassend nannte er 2 Störfelder bei den Eltern:

  • Eltern, die nicht in sich ruhen
  • Eltern reagierten reflexartig, weil sie sich im Körpersystem befinden

Danke für die Klarstellung, dass es sich bei den 70-80% unreifen Schulkindern nicht um kranke Kinder handele, sondern um nicht entwickelte Kinder.

Er sagte dann auch ganz klar: Erst Entwicklung, dann Bildung!

Traurig für die vielen, mit Ritalin ruhiggestellten, alarmierten Schulkinder. Wenn doch die Antwort Entwicklung heisst!

Für die Nachreifung brauche es:

Ruhe (Zeit…)

Gleiche Abläufe, die Halt und Sicherheit geben (Erwachsene leiten das Kind an- je mehr man das Kind anleite, desto schneller wachse die Psysche)

Symbiose lösen (wenn das Kind etwas will, sollten wir zögern bevor wir reagieren, damit das Kind erkennt, dass wir kein Gegenstand sind)

Als Abschluss erwähnte er Schule und KiGa und die Rolle, die sie spielen sollten. Leider bekam ich so den Eindruck, als sehe er diese Institutionen in der Hauptverantwortung für die Reifung der Kinder. Vielleicht kam es aber auch nur mir so vor. Schule und KiGa müssten personenzentriert arbeiten, es bräuchte also viel mehr Personal.

Natürlich wäre es ideal, wenn unsere Kinder in der Schule und im Kindergarten optimale Bindungserfahrungen machen könnten. (aber das haben sie 1995 sicher auch nicht gemacht, oder? Ich jedenfalls nicht.)

Als ersten Schritt erachte ich es doch als sinnvoller, im Elternhaus zu beginnen. Als Mutter habe ich sowieso schon lange das Gefühl, dass es gar nicht erwünscht ist, die Verantwortung für das eigene Kind selbst zu tragen. An allen Ecken und Kanten werden uns Entscheidungen über unsere Kinder abgenommen, ob wir wollen oder nicht.

Dem Loben hat er an einer Stelle Raum eingeräumt. Ich bekomme leider den Zusammenhang nicht mehr so hin. Jedenfalls sei es das Größte für ein Kind, wenn es für gute Leistung gelobt würde. Das ist sicher so, aber leider fiel eine andere Auswirkung des Lobens völlig unter den Tisch. Wird nämlich ein Kind immer gelobt, wenn es etwas gut macht, dann fühlt es sich eventuell irgendwann nicht mehr um seines selbst willen geschätzt. Gordon Neufeld betrachtet das Lob wie die Kirsche auf dem Sahnehäubschen. Ist die Wertschätzung immer da, dann kann ein Lob nichts schaden. Zu allererst sollte ein Kind seiner selbst willen geschätzt werden.

Ich möchte jedenfalls nicht, dass mein Kind zur Schule geht, nur um Sternchen oder Blümchen für gute Leistungen zu sammeln.

Es wäre natürlich wünschenswert, dass Schule und Kiga entwicklungsfreundlich sind, trotzdem fand ich es schade, dass unerwähnt blieb, was Eltern konkret tun könnten.

Auch wurde die immer frühere und längere Trennung von Kleinkindern von ihren Eltern nicht erwähnt. Sieht Herr Winterhoff darin überhaupt keine Problematik?

Der Vortrag war sehr unterhaltsam und auch fesselnd. Ich habe Herrn Winterhoff gerne zugehört, wenn ich mir auch mehr Tiefe und konkretere Ansprache einiger Punkte gewünscht hätte. Über seine jahrelange Erfahrung in seiner Praxis hätte ich gerne noch etwas mehr gehört. Er hat einige Beispiele anschaulich geschildert.

Das Thema Bindung kam leider nicht so rüber, wie ich mir das aus entwicklungspsychologischer Sicht erwünscht hatte.

Das Thema Gleichaltrigenorientierung, welches wir ja an jeder Ecke beobachten können, wurde auch nicht erwähnt.

Sehr schade fand ich, dass es keine Möglichkeit für Fragen gab.

Meine Fragen wären gewesen:

In was sehen Sie heute die Aufgabe der Eltern? Was können Eltern konkret tun, außer 4 Stunden in den Wald zu gehen und die Symbiose zu lösen? Wie sollte die Kind-Eltern Beziehung aussehen und was können Eltern dafür tun?

Wie sehen sie die frühe und stundenlange Trennung von Kleinkindern und ihren Eltern? Wie müsste KiTa gestaltet sein, um diese frühe Trennung ohne Einbüßen der Entwicklung zu ermöglichen?

Nach dem Vortrag ist es vielleicht verlockend, sich entspannt zurückzulehnen und erstmal mit dem Finger auf Erzieher und Lehrer zu zeigen. Denn das ist einfach und wird sowieso schon überall gemacht. Doch ein Kind, dem die Bindungsfähigkeit bereits fehlt, wenn es in die Schule kommt, wird sich auch an den Lehrer kaum auf einer tiefen Stufe binden können.

Die Reaktion auf den Vortrag könnte etwas übertrieben auch so aussehen: Erstmal eine lange Runde im Wald Spazierengehen, sich dann klar gegenüber den eigenen Kindern abgrenzen (hoffe, das wurde nicht mit Distanz verwechselt) und klare Ansagen machen und das Kind nicht mehr so oft nach seiner Meinung fragen. Ach so, und es für gutes Verhalten loben. Das ist jetzt sehr überspitzt gesagt. Aber die Thematik wurde teilweise so einfach dargestellt, dass ich mir dieses Resümee nicht sparen kann.

Viele interessante Aspekte, fehlende Tiefe und ein paar wirklich amüsante Momente.

 

Hierbei handelt es sich um meine subjektive Einschätzung. Ich bin weder seit vielen Jahren Kinderpsychiater, noch studierte Psychologin. Ich bin lediglich eine Mutter, der die Entwicklungen unserer Kinder in den letzten Jahren Sorge bereitet und die gerne die Verantwortung für die Reife ihres eigenen Kindes übernimmt. Ich bin von vielen verschiedenen Richtungen beeinflusst. Den größten Einfluss hatte jedoch die Arbeit von Gordon Neufeld, einem kanadischen Entwicklungspsychologen, an dessen Institut ich mich in Ausbildung befinde. Auch die Arbeit von Gerald Hüther hat meine Ansichten und Einstellungen maßgeblich beeinflusst.

Es sind ganz viele Einzelkämpfer unterwegs, die unterm Strich Ähnliches sagen. Sie bekommen aber gar nichts voneinander mit (oder schlimmer noch – kritisieren sich gegenseitig), weil sie ja selbst ihre Antwort haben. Insofern ist ein Blick von außen, von einer Mutter, die sich mit vielen Theorien beschäftigt hat und der das Wohl der Kinder sehr am Herzen liegt, gar nicht immer so falsch.

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